Elise Kova: Dragon Cursed - Zeig keine Gnade (Buch)

Elise Kova
Dragon Cursed - Zeig keine Gnade
(Dragon Cursed, 2026)
Übersetzung: Maike Claußnitzer
Piper, 2026, Hardcover, 480 Seiten, 28,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Mit „Dragon Cursed - Zeig keine Gnade“ beginnt Elise Kova eine neue Fantasy-Dilogie, die sich unverkennbar an die derzeit populären Muster des Genres anlehnt: Drachen, eine von außen bedrohte Gesellschaft, ein tödliches Auswahlverfahren und eine junge Heldin, die dazu bestimmt scheint, die Welt zu verändern. Die Zutaten sind vertraut - und darin liegt dann auch zugleich die Stärke wie auch die Schwäche des Romans.

 

Die Handlung führt in die befestigte Stadt Vingard, die als letzte Bastion der Menschheit den fortwährenden Angriffen der Drachen trotzt. Hier lebt die achtzehnjährige Isola Thaz, die seit ihrer Kindheit als Wiedergeburt des legendären Drachentöters Valor verehrt wird. Während die Öffentlichkeit in ihr eine Heldin sieht, fürchtet Isola insgeheim, selbst vom Drachenfluch betroffen zu sein.

Ausgerechnet das bevorstehende Tribunal, eine dreiwöchige Reihe brutaler Prüfungen zur Entlarvung möglicher Verfluchter, könnte diese Angst zur Gewissheit werden lassen. Kurz vor dem Tribunal wird sie gezwungen, mit Lucan Darius zusammenzuarbeiten - dem Sohn des mächtigen Vikars, dem sie seit Jahren misstraut. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Saipha muss Isola lernen, wem sie vertrauen kann, während die Prüfungen sie körperlich und emotional an ihre Grenzen bringen…


Kova gelingt es durchaus, eine atmosphärisch dichte Erzählung zu entwerfen. Die permanente Bedrohung durch die Drachen, die religiös-politischen Machtstrukturen Vingards und die Frage nach individueller Freiheit innerhalb eines repressiven Systems bieten reichlich Stoff für Konflikte. Allerdings bleibt Vieles davon erstaunlich oberflächlich. Zahlreiche Begriffe, Regeln und Mechanismen der Welt werden eingeführt, ohne zunächst ausreichend eingeordnet zu werden. Statt Neugier erzeugt dies gerade zu Beginn des Romans mitunter Distanz, da zentrale Elemente lange vage bleiben.

Auch das Tribunal, das als Herzstück des Romans fungiert, entfaltet nicht immer die Spannung, die ich mir davon versprochen habe. Zwar konfrontieren die Prüfungen die Figuren mit moralischen und körperlichen Grenzerfahrungen, doch wiederholen sich die Abläufe stellenweise, sodass die Handlung über weite Strecken nur langsam voranschreitet. Erst im letzten Drittel gewinnt der Roman deutlich an Dynamik und beginnt, die zuvor aufgeworfenen Rätsel und Andeutungen zusammenzuführen und zu beantworten.

Am Überzeugendsten sind die Figuren. Isola ist keine makellose Auserwählte, sondern eine junge Frau, die unter den Erwartungen ihrer Umwelt leidet und zunehmend an den Wahrheiten zweifelt, die ihr vermittelt wurden. Auch die Beziehungen zu ihrer Freundin Saipha und insbesondere zu Lucan Darius, dem Sohn des mächtigen Vikars, verleihen der Geschichte emotionale Tiefe. Positiv fällt auf, dass die Charaktere nicht ausschließlich über bekannte Genre-Tropes definiert werden, sondern im Verlauf der Handlung langsam, aber deutlich an Kontur gewinnen.

Dennoch kann sich „Dragon Cursed - Zeig keine Gnade“ nicht ganz von den Konventionen aktueller Romantasy und Young Adult Fantasy lösen. Vieles wirkt vertraut. Die auserwählte Heldin, das autoritäre Regime, die tödlichen Prüfungen und die sich langsam entwickelnde romantische Spannung. Kova variiert diese Motive solide, gibt ihnen jedoch nur selten etwas wirklich Eigenständiges mit.

So hinterlässt der Roman einen zwiespältigen Eindruck. Die Geschichte besitzt interessante Ansätze, sympathische Figuren und ein starkes Finale, benötigt jedoch zu lange, um ihr Potenzial auszuschöpfen. Das Ende weckt durchaus Neugier auf den zweiten, abschließenden Band, zugleich bleibt der Eindruck bestehen, dass die Welt und ihre Konflikte deutlich mehr Tiefenschärfe vertragen hätten.

Zu erwähnen awi noch, dass der Verlag sich mit der handwerklichen Gestaltung förmlich selbst übertroffen hat. Anlässlich des Besuchs der Autorin in Deutschland erschien der Band als hochwertige Hardcover-Ausgabe im Schuber mit Lesebändchen, Rundumfarbschnitt und mit „Drachenschuppenprägung“.

So bleibt mir „Dragon Cursed - Zeig keine Gnade“ als ein handwerklich solider Fantasy-Auftakt mit überzeugenden Figuren und einem wirkungsvollen Schlussakt im Gedächtnis. Die interessante Ausgangsidee wird jedoch durch ein oft zu zögerliches Erzähltempo und ein nur bedingt ausgereiftes Worldbuilding ausgebremst. Wer klassische Young Adult Fantasy schätzt, wird hier dennoch eine unterhaltsame Lektüre finden.