Alix E. Harrow: Die Legende von Una Everlasting (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Sonntag, 01. November 2026 08:57

Alix E. Harrow
Die Legende von Una Everlasting
(The Everlasting, 2025)
Übersetzung: Peter Beyer
Goldmann, 2026, Hardcover, 512 Seiten, 24,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Einst, Jahrhunderte ist es nun her, gab es den Staat Dominium noch nicht. Damals existierten verfeindete, kleine Fürstentümer, bis die erste Königin ihre Heldin, die legendäre Sir Una Everlasting, auf Questen aussandte, die das Reich zusammenbrachten, es vereinten und bis heute zusammenhalten.
In all den Jahrhunderten, die seitdem vergangen sind, fand das Reich aber nicht zu wahrem Frieden. Zusammengehalten nur von der Geschichte Una Everlastings und dem ewigen Krieg gegen das Nachbarreich, herrschen Armut, Verzweiflung und Aufruhr. Zwar konnte der an Menschenleben, aber auch an Ressourcen desaströse und verlustreiche Krieg gewonnen werden, allein im Inneren braut sich eine Rebellion von unten zusammen. Die Menschen sind es leid, ihre Haut zu Markte zu tragen, zu hungern und zu darben.
Nur eines vereint die Menschen: die Verehrung von Sir Una Everlasting, deren Taten in Liedern besungen, in Schulbüchern gelehrt und auf Rekrutierungsplakaten verewigt werden.
Der Historiker Owen Mallory gilt als größter Kenner der Heldin. Ministerin Rolfe weiß, dass sie den Massen etwas geben muss, um die Lage zu entspannen. Sie rekrutiert den etwas weltfremden Forscher, der herausfinden soll, was wirklich hinter dem Mythos der Ritterin steckt.
Plötzlich und höchst unerwartet findet sich unser Forscher in der Vergangenheit wieder. Er stößt auf die Heldin, ihr magisches Schwert und ihren schlecht gelaunten Gaul und muss erkennen, dass sein Forschungsobjekt so ganz anders ist als erwartet.
Frustriert, müde und desillusioniert will sie nur eines: endlich Ruhe, und wenn es die des Grabes ist. Nur mit seinem Wissen um die nächste, die letzte Queste kann seine Heldin diese bestehen. Die beiden so Ungleichen machen sich auf den Weg zum letzten Drachen. Doch können - und sollen - die überlieferten fatalen Ereignisse überhaupt vermieden werden?
Was ist das für ein Roman, der sowohl den Hugo Award als auch den Locus Award gewinnen konnte?
Alix E. Harrow greift Motive der Artus-Sage auf, kombiniert diese (magisches Schwert, außergewöhnliche Ritterin, Drachen, den Heiligen Gral) mit einer Zeitreise-Geschichte (genauer gesagt: diversen Zeitreisen). Das könnte die Lesenden langweilen, erweist sich vorliegend aber als erstaunlich interessant, kurzweilig und regt zum Nachdenken an. Sie stellt sich und uns dabei die Frage, inwieweit der Zweck die Mittel heiligt und ob das Opfern persönlicher Schicksale zum Wohl des Staates legitim ist.
Über die Verbindung einer Helden-Saga mit politischen Ambitionen eines Staatsgebildes, kombiniert mit einer anrührenden - aber nicht kitschigen Liebesgeschichte -, präsentiert Harrow uns eine ergreifende, tragische Geschichte, aus der ein jeder, der oder die sie konsumiert, seine eigenen Schlüsse ziehen darf, ja muss.
Man kann die Folgerungen auf die allzu simple Erkenntnis herunterbrechen, dass ein Staat weder funktionierende Institutionen noch eine verantwortungsvolle Regierung benötigt, sondern zuerst ein gemeinsames Gerüst, auf dem der Zusammenhalt der Menschen des Staatsgebildes beruht.
Dabei lernen unsere Protagonisten - auch Una schlüpft in die Rolle der Erzählerin -, dass wahrer Mut auch bedeutet, die eigene Rolle zu hinterfragen. Hier demontiert die Autorin die landläufige Darstellung eines Helden, der um des höheren (Gemein-)Wohls bereit ist, sich zu opfern. Una ist weder unfehlbar noch die strahlende Streiterin wider das Böse - sie wird uns als verletzliche Frau gezeigt, deren Dasein fremdbestimmt ist und die sich der Entstehung eines das Land verbindenden Mythos unterordnen muss.
Präsentiert wird uns der Plot in einer kunstvollen Konstruktion, die uns fordert und anspruchsvoll ist. Die Zeitschleifen, Perspektivwechsel und verschachtelte Erzählweise machen die Lektüre nicht einfacher.
So ist der Roman eine anspruchsvolle, sprachlich ambitionierte Lektüre, die mehr ist als eine simple Abenteuer-Geschichte.