Jutta Nymphius: Schafe schubsen (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Freitag, 18. September 2026 10:39

Jutta Nymphius
Schafe schubsen
Tulipan, 2026, Hardcover, 224 Seiten, 17,00 EUR
Rezension von Christel Scheja
Manche Jugendbücher beschäftigen sich mit Themen, die viele junge Leserinnen durchaus bewegen, auch wenn sie es nicht zugeben wollen, da ihnen die damit verbundenen Gefühle peinlich sind oder sie einfach Angst haben. Aber durch manche Geschichten erhalten sie vielleicht den Mut, ihre Stimme zu erheben, wie nach der Lektüre von „Schafe schubsen“ von Jutta Nymphius.
Tilda ist ständig wütend und streitet sich deshalb immer wieder mit ihrem Vater. Der weiß keinen anderen Rat, als seine Tochter mit der bisher ruppig und kalt auftretenden Oma auf einen Road-Trip nach Schottland zu schicken - ein absoluter Albtraum für den Teenager, denn die ältere Frau schleppt sie an Orte, an die sie nicht will.
Aber nach und nach kommen sich die beiden doch näher und beginnen sich zu öffnen, über die Dinge zu sprechen, die sie beschäftigen. Vor allem die ältere Renate stellt sich nun endlich den Gefühlen, die sie so lange in ihrem Herzen vergraben hat. Und Tilda erkennt, dass sie sich in bestimmten Dingen beide mehr ähneln als gedacht.
Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen erzählt, darin eingebettet sind auch immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit. Die Kapitel selbst richten sich nach den Orten, die Renate und Tilda besuchen.
So bekommt man einen recht guten Einblick in die Gedankenwelt der beiden Figuren, die sich einander erst nicht wirklich ausstehen können, aber nach und nach Respekt und sogar Mitgefühl für den anderen entwickeln. Denn beide haben Geheimnisse, über die sie mit anderen nicht sprechen konnten und können, vor allem Renate. Die Rückblenden in ihre Vergangenheit sind in den 1960er Jahren angesiedelt, einer Zeit, in der Sexualität letztendlich nur auf eine Art und Weise ausgelebt werden durfte und die Betroffenen durch ihre Erziehung selbst beschämt über ihre Gefühle waren. Dass es in der Jetztzeit nicht viel anders ist, beweist Tilda.
Auf ruhige und einfühlsame Art und Weise erklärt die Autorin den jungen Lesern, warum sich viele immer noch so schwertun, warum Gefühle zu Geschlechtsgenossen immer noch zu Scham, Angst und Traurigkeit führen, gerade auch bei Frauen früherer Generationen, die sich eben noch nicht emanzipieren konnten oder durften.
Die Orte der Reise stehen dabei fast schon sinnbildlich für die verschiedenen Stationen in ihrem Leben, in dem sie Entscheidungen hätten treffen sollen, es aber nicht taten, jetzt aber endlich in der Lage sind, sich den Gedanken und Gefühlen zu stellen.
Das Buch beantwortet vielleicht nicht alle Fragen, hilft aber vielleicht jungen Lesern auf der einen Seite sich und ihr Gefühlschaos zu verstehen, auf der anderen Seite aber auch zu begreifen, warum Eltern und Großeltern so verklemmt wirken. Und vielleicht finden sich auch Erwachsene in Renate und ihren Erlebnissen wieder.
„Schafe schubsen“ ist ein Road-Trip der besonderen Art, der nicht nur zwei Generationen miteinander verbindet, sondern junge wie alte Leser für die Gefühle und Gedanken des jeweils anderen öffnet. Und es ist ein wichtiger Schritt dazu, Frauen auch in Coming-out-Geschichten mehr zu repräsentieren.