Ava Reid: Lady Macbeth (Buch)

Ava Reid
Lady Macbeth
(Lady Macbeth, 2024)
Übersetzung: Judith C. Vogt
Piper, 2026, Paperback, 320 Seiten, 18,00 EUR

Rezension von Christel Scheja

Derzeit scheint es voll im Trend zu liegen, sich an klassischen Mythen, aber auch literarischen Werken zu orientieren und diese auf ganz eigene Weise nachzuerzählen, manchmal ganz anders, als man es erwarten möchte. Das ist auch bei „Lady Macbeth“ der Fall, dessen Hauptfigur im Drama von Shakespeare eher eine düstere Randfigur ist.


Roscille ist mit dem Wissen über die Gerüchte aufgewachsen, die sie umgeben. Es heißt nämlich, sie sei von Hexen verflucht worden, und dadurch in der Lage, mit einem Blick aus ihren Augen, Männer in den Wahnsinn zu treiben. Das hält den schottischen Than Macbeth aber nicht davon ab, sie als Braut zu erwählen.

Als die junge Frau in den nebeligen Norden reist, erfährt sie auch, warum: Ihr Mann weiß durchaus den Wert der Frauen zu erkennen, die über magische Kräfte verfügen. Und auch Roscille lernt, genau dies auszunutzen, um selbst in der Schlangengrube zu überleben, in der sie gelandet ist.


Man könnte annehmen, dass die Geschichte, wie heute üblich ist, auch eine Romanze erzählt, aber das ist nicht wirklich der Fall, denn die Figuren sind allesamt düster und auf sich bezogen, und wer das nicht ist, so wie Roscille, lernt schnell, wie man sich durch die Intrigen manövriert und welche Grenzen man dabei überschreitet.

Dabei kommt es der Autorin auch nicht unbedingt auf historische Genauigkeit an, sie entfesselt lieber ein Drama aus Sicht der Frauen, zeigt, wie die Geschichte aus der Sicht der geheimnisvollen Lady Macbeth abläuft, die im Original ja eine der treibenden Kräfte für den Untergang ihres Gatten ist.

Dabei wird reichlich mit okkulten Motiven gespielt, die Autorin entfesselt die Hexen als eine Macht, die man nicht unterschätzen sollte, auch wenn die Männer glauben, sie mehr oder weniger unterworfen zu haben. Zudem bleiben die Fantasy-Elemente eher verhalten und werden oft nur angedeutet.

Die Autorin erzählt bewusst in der dritten Person und aus einer Distanz, die zwar dafür sorgt, dass man vor allem die Hauptfigur kennenlernt, aber keine emotionale Bindung zu ihr aufbaut. Dadurch wirkt die ganze Geschichte unnahbar, von der Atmosphäre her so kalt wie das Setting. Und das könnte den einen oder anderen Leser abschrecken, auch wenn die Geschichte selbst sehr interessante Aspekte bietet, die sie aus der Masse hervorheben.

„Lady Macbeth“ ist mehr als ein literarisches Retelling, mehr ein Dark-Fantasy-Roman, der bewusst mit okkulten Inhalten spielt und erzählerisch sperrig erzählt, sich aber gerade dadurch von der Masse abhebt. Es geht um dunkle Intrigen und Leidenschaften, von denen letztendlich alle Charaktere der Geschichte angetrieben werden, auch die erst unbescholten wirkende Heldin. Und das hat man selten.