Laura Purcell: Im Haus der stillen Gefährten - Eine Geistergeschichte (Buch)

Laura Purcell
Im Haus der stillen Gefährten - Eine Geistergeschichte
(House of Splinters, 2025)
Übersetzung: Eva Brunner
Festa, 2026, Hardcover, 478 Seiten, 24,99 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Mit „Im Haus der stillen Gefährten“ kehrt Laura Purcell an einen der unheimlichsten Schauplätze moderner Gothic-Horror-Literatur zurück - in das abgelegene Bridge Manor. Der Roman ist zeitlich vor den Ereignissen von „Die stillen Gefährten“ angesiedelt und erzählt uns die Geschichte der Familie Bainbridge rund ein Jahrhundert vor den Ereignissen in Purcells deutschem Debüt. Auch ohne Vorkenntnisse funktioniert das Buch hervorragend, Leser des Vorgängers werden jedoch zahlreiche Anspielungen und Hintergrund-Details mit besonderem Vergnügen entdecken.

 


1774 erbt Wilfred Bainbridge nach dem Tod seines Vaters das alte Familien-Anwesen. Gemeinsam mit seiner schwangeren Ehefrau Belinda und dem fünfjährigen Sohn Freddy zieht er in das Herrenhaus, das von einer langen Geschichte aus Tragödien, Geheimnissen und Aberglauben geprägt ist.

Schon bald wird deutlich, dass nicht nur die Vergangenheit in den Mauern des Hauses weiterlebt. Die sogenannten stillen Gefährten, lebensgroße, erschreckend realistische Holzfiguren, scheinen ein Eigenleben zu führen. Sie tauchen an unerwarteten Orten auf, beobachten die Bewohner aus dunklen Ecken und entwickeln eine verstörende Faszination für die Familie, insbesondere für die neugeborene Tochter Lydia…


Purcell versteht es meisterhaft, eine Atmosphäre schleichender Bedrohung aufzubauen. Zunächst sind es nur seltsame Geräusche, unerklärliche Bewegungen und ein stetig wachsendes Gefühl des Unbehagens. Doch je tiefer Belinda in die Geschichte des Hauses und ihrer Familie eindringt, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen rationaler Erklärung und übernatürlichem Grauen. Gerade diese Ambivalenz gehört zu den größten Stärken des Romans.

Lange bleibt offen, ob die Ereignisse auf Geister, Flüche und dunkle Mächte zurückzuführen sind oder ob menschliche Schuld, Verdrängung und psychische Belastungen die wahren Ursachen sind.

Im Mittelpunkt steht dabei mit Belinda Bainbridge, eine bemerkenswert starke Protagonistin. Obwohl sie als Frau des 18. Jahrhunderts gesellschaftlichen Zwängen unterworfen ist, entwickelt sie sich zur treibenden Kraft der Handlung. Die Sorge um ihre Kinder, ihre wachsenden Zweifel an ihrem Ehemann und ihre Entschlossenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen, machen sie zu einer Figur, mit der man bis zum dramatischen Finale mitfiebert.

Auch die Familiengeschichte der Bainbridges entfaltet einen eigenen Reiz. Verdrängte Konflikte, alte Schuld, der überraschend auftauchende Bruder Nathan und die düsteren Legenden um die wegen Hexerei hingerichtete Vorfahrin Anne Bainbridge verweben sich zu einem komplexen Netz aus Geheimnissen und Tragödien. Dabei gelingt Purcell die Kunst, familiäres Drama und klassischen Geisterhaus-Horror nebeneinander gleichermaßen überzeugend anzubieten.

Besonders eindrucksvoll bleiben jedoch die stillen Gefährten selbst. Die unbeweglichen Holzgestalten gehören für mich zu den verstörendsten Schöpfungen des modernen Horrors. Ihre bloße Anwesenheit erzeugt Gänsehaut, und die Vorstellung, eine Figur am Abend im Dachgeschoss einzuschließen, nur um sie am nächsten Morgen im Flur wiederzufinden, entfaltet eine fast albtraumhafte Wirkung.

So ist „Im Haus der stillen Gefährten“ ein atmosphärisch dichter Gothic-Roman voller dunkler Familiengeheimnisse, psychologischer Spannung und zunehmend explizitem Horror. Wer klassische Spukhaus-Geschichten, historische Schauplätze und Geschichten schätzt, die lange zwischen übernatürlicher und menschlicher Erklärung balancieren, findet hier einen ebenso unheimlichen wie fesselnden Pageturner.

Laura Purcell bestätigt einmal mehr ihren Ruf als eine der derzeit stärksten Stimmen des modernen Gothic Horror, deren Roman uns der Verlag erneut mit einem Rundum-Farbschnitt, Lesebändchen und stimmungsvollem Vor- und Nachsatzpapier anbietet.