Robert Jackson Bennett: A Drop of Corruption (Buch)

Robert Jackson Bennett
A Drop of Corruption
Shadow of the Leviathan 2
(A Drop of Corruption, 2025)
Übersetzung: Jakob Schmidt und Karla Schmidt
Adrian, 2026, Paperback, 480 Seiten, 16,95 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Willkommen zurück in einer Welt, die an ein magisches, archaisches Reich chinesischer oder südostasiatischer Prägung erinnert.


Erneut begleiten wir Ana, eine Ermittlerin, und ihren Assistenten Kol. Diesmal werden die beiden nach Yarrow entsandt, in ein subtropisches Königreich, das sich in wenigen Jahren dem Imperium anschließen soll. Dort sollen sie eine Reihe rätselhafter Verbrechen aufklären.

 

Zum Verständnis der Handlung ist zunächst ein Blick auf die Besonderheiten dieser Welt notwendig: Die Menschen des Imperiums wurden durch biomagische Modifikationen verbessert. Ana etwa verfügt über die außergewöhnliche Fähigkeit, aus den kleinsten Indizien komplexe logische Schlussfolgerungsketten zu entwickeln. Gleichzeitig ist sie jedoch anfällig für sensorische Überlastung. Obwohl sie nicht blind ist, trägt sie deshalb meist eine Augenbinde, um störende Reize auszublenden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ihr Adlatus Kol gehört zu den sogenannten Gravier¬ten - Menschen, die Erinnerungen mit absoluter Präzision speichern und abrufen können, indem sie diese mit bestimmten Gerüchen verknüpfen.

Der Fall beginnt mit dem Verschwinden eines Beamten des königlichen Schatzamtes. Wenig später wird seine zerstückelte Leiche im Fluss gefunden. Doch rasch zeigt sich, dass hinter dem Verbrechen weit mehr steckt, als zunächst vermutet. Es geht um nichts Geringeres als einen drohenden Königsmord, die politische Zukunft des Reiches und bahnbrechende medizinische Erkenntnisse, die auf der Erforschung der sterblichen Überreste der Leviathane beruhen. Einmal mehr liegt es an dem ungleichen Duo, Licht ins Dunkel zu bringen und eine Katastrophe abzuwenden.

Im zweiten von bislang im Original drei Romanen um das Ermittlerpaar im Dienst des Imperiums liefert Robert Jackson Bennett genau jene Aspekte nach, die im ohnehin hervorragenden Auftakt noch etwas zu kurz gekommen waren. Er entwirft ein archaisches Königreich, das in seinen Traditionen erstarrt ist, und nutzt diesen Schauplatz geschickt, um dem Leser tiefere Einblicke in die Geschichte, die gesellschaftliche Ordnung und die wirtschaftlichen Strukturen des fortschrittlicheren Imperiums zu gewähren.

Darüberhinaus erfahren wir deutlich mehr über den geheimnisvollen Schleier, die Leviathane und deren immense Bedeutung für die Wissenschaft des Imperiums. Nicht ohne Grund nimmt der Forschungsstrang um die Überreste der gewaltigen Kreaturen nahezu ebenso viel Raum ein wie die Aufklärung des Mordfalls selbst.

Was zunächst wie ein vergleichsweise überschaubares Verbrechen erscheint, entwickelt sich zunehmend zu einem intellektuellen Duell zwischen Ana und einem außergewöhnlich raffinierten Gegenspieler.

Erzählt wird die Geschichte erneut aus Kols Perspektive. Sein Wunsch, an die Mauer zu wechseln und dort gegen die Leviathane zu kämpfen, bleibt unerfüllt. Die Schulden seines verstorbenen Vaters und die Verantwortung für seine Familie zwingen ihn dazu, weiterhin im Dienst der Ermittlungsbehörde zu bleiben. Seine finanzielle Lage macht eine Versetzung unmöglich. Diese alltäglichen Sorgen verleihen der Figur zusätzliche Bodenständigkeit und machen sie noch sympathischer.

Doch nicht nur Kol gewinnt an Profil. Auch Ana erhält im Verlauf der Handlung deutlich mehr Tiefe. Der Roman gewährt Einblicke in ihre exzentrische Persönlichkeit, enthüllt nach und nach verborgene Facetten ihres Wesens und mündet schließlich in eine ebenso überraschende wie folgenreiche Offenbarung.

Bennett verwebt diese Charakter-Entwicklung bemerkenswert unauffällig mit seinem eigentlichen Kriminal-Plot. Denn der Mord bildet lediglich den Auftakt einer ganzen Reihe von Verbrechen, deren Zusammenhänge sich erst allmählich erschließen.

Dabei scheint der Täter den Ermittlern, trotz Anas Genialität, stets mehrere Schritte voraus zu sein. Die Handlung nimmt immer wieder unerwartete Wendungen, ohne dabei konstruiert zu wirken. Vielmehr gelingt es Bennett, selbst ungewöhnliche Entwicklungen plausibel und glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Mit seiner abwechslungsreichen, temporeichen Erzählweise zieht der Autor die Leser erneut in diese faszinierende Biopunk-Welt hinein. Geschickt verbindet er Politthriller, Kriminalroman und phantastischen Weltenbau zu einer ebenso spannenden wie intelligenten Lektüre. Das Ergebnis ist ein Roman voller Überraschungen, der nicht nur durch seine packende Handlung, sondern auch durch die stetig wachsende Tiefe seiner Welt zu überzeugen weiß.