Olivie Blake: Gifted & Talented - Aufstieg und Fall einer magischen Familie (Buch)

Olivie Blake
Gifted & Talented - Aufstieg und Fall einer magischen Familie
(Gifted & Talented, 2025)
Übersetzung: Heide Franck & Alexandra Jordan
Titelbild: Jamie Stafford-Hill
Tor, 2026, Hardcover, 656 Seiten, 26,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Olivie Blakes „Gifted & Talented - Aufstieg und Fall einer magischen Familie“ nimmt ein bekanntes Motiv - den Tod eines übermächtigen Vaters und den Streit seiner Kinder ums Erbe - und transferiert dieses in eine Welt, in der Technik und Magie nebeneinander existieren. Im Zentrum stehen drei Geschwister, die nicht nur um ein Firmen-Imperium kämpfen, sondern vor allem um etwas, das sie nie wirklich bekommen haben: Anerkennung.

Meredith, Arthur und Eilidh sind, zumindest auf den ersten Blick, allesamt erfolgreich. Eine führt ein Biotech-Unternehmen, das mittels einer App angeblich psychische Krankheiten heilen kann, der andere galt als ein politisches Talent mit einst großen Idealen, der an der politischen Realität gescheitert ist, die dritte ist eine ehemalige Star-Ballerina, die nach einer schweren Verletzung im väterlichen Unternehmen neu anfangen musste.

Je näher man ihnen kommt, desto deutlicher wird, dass hinter all dem Glanz viel Unsicherheit, Selbstzweifel und Täuschung stecken. Der Roman interessiert sich überraschenderweise weit weniger dafür, wer den Kampf ums Erbe am Ende gewinnt, als dafür, warum diese Figuren trotz all ihrer Möglichkeiten letztlich so verloren sind.

Die magischen Fähigkeiten, die alle drei besitzen, spielen dabei eine besondere Rolle. Sie sind allerdings weniger spektakuläre Handlungselemente, als dass sie als Spiegel der inneren Zustände dienen. Wenn Arthurs Kräfte außer Kontrolle geraten oder Eilidh mit einem zerstörerischen „Inneren“ kämpft, wirkt das wie eine Zuspitzung ihrer jeweiligen seelischen Konflikte. Dass die Herkunft und Logik dieser Fähigkeiten nie ganz erklärt werden, kann man als Schwäche sehen - oder als bewusste Entscheidung der Verfasserin, ihren Fokus ganz auf die Figuren zu legen.

Genau dort liegt auch die größte Stärke des Buches. Blake schreibt deutlich sichtbar aus einer Figurenperspektive heraus. Es geht um verletzte Egos, um den Druck, besonders sein zu müssen und um die Enttäuschung, wenn das eigene Leben hinter den oft selbstgestellten Erwartungen zurückbleibt. Dabei sind die Geschwister zumeist unsympathisch, manchmal sogar anstrengend, dabei aber nie uninteressant gezeichnet.

Weit schwieriger empfand ich die Umsetzung der Handlung. Die Geschichte kommt zwar mit einem klaren Ausgangspunkt in Gang - Beerdigung, Testament, Machtfrage -, verliert sich aber zwischendurch immer wieder in Gesprächen, Gedanken und Rückblicken. Der eigentliche Plot tritt dabei für mein Empfinden zu sehr in den Hintergrund. Wer eine straffe, spannungsreiche Handlung erwartet, dessen Geduld wird hier durchaus strapaziert.

Auch der Stil dürfte die Leser spalten. Die Erzählstimme ist oft ironisch und kommentierend, manchmal sehr witzig. Gleichzeitig neigt die Sprache dazu, sich in zu langen, gedankenschweren Passagen zu verlieren. Dies wirkte auf mich überladen manches mal gar künstlich.

Inhaltlich überzeugt der Roman vor allem als treffende Auseinandersetzung mit Erfolg und Leistungsdruck. „Gifted & Talented - Aufstieg und Fall einer magischen Familie“ zeigt, wie wenig selbst ein überaus privilegiertes Leben das von allen angestrebte Glück garantieren kann, und wie sehr Menschen daran zerbrechen können, immer „besonders“ sein zu müssen. Das macht das Buch trotz seiner überspitzten Figuren überraschend interessant, aktuell und tiefgründig.

Am Ende ist Blakes Roman ein widersprüchliches, aber interessantes Werk. Stark in seinen Figuren und Themen, dabei aber leider weniger klar in seiner Handlung. Ein Buch, das nicht allen gefallen wird - aber gerade durch seine Ecken und Kanten im Gedächtnis bleibt