Jay Kristoff: A Take of Pain and Hope - Das Reich der Dämmerung (Buch)

Jay Kristoff
A Take of Pain and Hope - Das Reich der Dämmerung
(Empire of the Dawn, 2025)
Übersetzung: Kirsten Borchardt
Tor, 2026, Hardcover, 1196 Seiten, 30,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Jahrzehnte ist es her, dass der Tagestod die Sonne vom Himmel nahm. Kein Sturm, keine Finsternis - etwas ließ das lebensspendende Licht verschwinden, und mit der Dunkelheit traten jene Wesen hervor, die zuvor nur in Legenden existierten: Faerievolk, Hexen, Werwesen und vor allem: Vampire. Sie, einst nach dem Mord am Religionsführer verflucht zu ewigem Leben, haben die Welt der Menschen nahezu vollständig unterworfen. Städte fallen, Bewohner werden wie Vieh verschleppt und nur noch zwei befestigte Zufluchten halten sich gegen die Herrschaft der Blutsauger.

In dieser sterbenden Welt erzählt Gabriel de León seine Geschichte. Einst legendärer Silberwächter des Ordens Argentum, Krieger, Mischling, Verräter und Gefangener der Vampire, berichtet er von Glauben, Krieg, Verrat und der vergeblichen Suche nach dem Heiligen Gral, der das ewige Dunkel hätte beenden sollen. Was als Rückblick eines gebrochenen Helden beginnt, entwickelt sich zu einem wuchtigen, blutgetränkten Abgesang auf eine Welt, die längst verloren scheint.

Denn wie so oft gibt es Geheimnisse, die man besser niemals erfährt. Eine der Vampirsippen etwa hat sich nicht etwa die Herrschaft über ihre Brüder und Schwestern auf die Fahnen geschrieben, noch weniger paktieren sie, wie sie vorgeben, mit den Menschen - nein, sie verfolgen ganz eigene Ziele.

Da hilft es wenig, dass Gabriel den letzten der großen uralten Vampirherrscher, den Mörder seiner geliebten Frau und Tochter, erst in die Irre führen konnte und dann…

Irgendwie scheint es keinen Ausweg zu geben. Haben die Vampire tatsächlich die Macht über die Erde und all ihre Bewohner an sich gerissen? Wird die Sonne niemals wieder scheinen?


Mit dem Abschlussband seiner Vampir-Trilogie knüpft Jay Kristoff formal an das Erfolgsrezept der Vorgänger an. Der Roman bleibt ein Wechselspiel aus Rahmenhandlung im Kerker und ausufernden Rückblenden, durchsetzt mit Schlachten, Fluchten, Intrigen und reichlich schwarzem Humor. Kristoff schreibt mit spürbarer Lust am Exzess. Gewalt wird nicht angedeutet, sondern ausgestellt, Leid nicht verkürzt, sondern zelebriert. Das besitzt enorme Wucht und zieht über weite Strecken in den Bann.

Gerade in der ersten Hälfte zeigt sich erneut, warum die Reihe so viele Leser gefunden hat. Die Welt wirkt dicht, schmutzig und glaubwürdig, die Figuren sind widersprüchlich, verletzlich und selten heroisch im klassischen Sinne. Gabriel selbst bleibt ein unzuverlässiger Erzähler, dessen Stolz ebenso ausgeprägt ist wie seine Schuld. Diese Mischung aus Pathos, Sarkasmus und Selbstzerstörung gehört zu den großen Stärken der Reihe.

Doch ausgerechnet im Finale zeigt sich auch Kristoffs größte Schwäche. Der Autor will zu viel. Immer neue Enthüllungen, immer größere Wendungen, immer höhere Einsätze - bis die Dramaturgie zu kippen droht. Besonders im letzten Fünftel wirkt der Roman überladen, als müsse jede noch offene Frage unbedingt beantwortet und jedes Motiv bis zum Äußersten gesteigert werden. Gleichzeitig verschiebt sich der Ton spürbar. Wo zuvor bitterer Zynismus dominierte, schleichen sich plötzlich sentimentale, fast rührselige Momente ein. Das wirkt nicht völlig unpassend, aber spürbar weniger kontrolliert als in den stärksten Passagen der Reihe.

Dass der Roman dennoch funktioniert, liegt nicht zuletzt an der konsequent subjektiven Erzählweise. Gabriel beschönigt nichts, weder seine Grausamkeit noch seine Fehler. Gerade diese schonungslose Perspektive verhindert, dass der epische Umfang ins Beliebige abgleitet. Kristoff gelingt es, den Leser trotz aller Übertreibungen emotional zu binden - ein Kunststück bei einem Werk, das sich über nahezu zwölfhundert Seiten erstreckt.

Ein großes Lob verdient erneut die Übersetzung von Kirsten Borchardt. Sie trifft den rauen, oft vulgären Ton ebenso sicher wie die leisen, verzweifelten Momente und verleiht jeder Figur eine eigene sprachliche Farbe, ohne die Lesbarkeit zu opfern.

Auch die Ausstattung des Bandes ist gewohnt hochwertig; geprägter Einband, Kartenmaterial und Illustrationen unterstreichen den Anspruch, hier nicht nur einen Roman, sondern ein episches Gesamtwerk vorzulegen.

Am Ende bleibt ein Abschlussband, der die Stärken der Reihe noch einmal eindrucksvoll zeigt - ihre Wucht, ihre düstere Bildkraft und ihre kompromisslose Brutalität -, zugleich aber auch ihre Schwächen offenlegt. Kristoff kann grandios erzählen, neigt vorliegend jedoch dazu, im Finale die Zügel zu locker zu lassen.

Wer die Vorgänger mochte, wird auch diesen Band verschlingen. Wer sich an Pathos, Übermaß und emotionalem Überschwang stört, wird hier mehr davon finden als je zuvor.