M. L. Wang: The Sword of Kaigen - Eine theonitische Kriegsgeschichte (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Samstag, 13. Dezember 2025 10:18

M. L. Wang
The Sword of Kaigen - Eine theonitische Kriegsgeschichte
(The Sword of Kaigen, 2018)
Übersetzung: Henriette Ahrent
Titelbild: Enrico Frehse
Adrian, 2025, Hardcover, 616 Seiten, 24,95 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
M. L. Wangs „The Sword of Kaigen - Eine theonitische Kriegsgeschichte“ hat in den vergangenen Jahren im anglo-amerikanischen Sprachraum für wahre Begeisterungsstürme gesorgt. Hier hat eine Autorin eine interessante Welt geschaffen, die weit mehr ist als „nur“ ein düsteres Schlachten-Szenario. Uns erwartet ein sehr emotionales, komplexes Familien-Drama, das in einer faszinierend ausgearbeiteten Welt angesiedelt ist und sich stark über seine Charaktere definiert.
Der Roman beginnt auffallend ruhig, ja fast behäbig. Wang widmet das gesamte erste Drittel der sorgfältigen Etablierung von Welt und Figuren. Hier braucht die Leserin respektive der Leser einiges an Geduld, man muss sich Zeit nehmen, das Dorf und die Figuren kennenzulernen.
Das beschauliche Dorf Takayubi, Schauplatz der Geschichte, wirkt zunächst wie ein abgelegener, nahezu isolierter Ort, doch unter der Oberfläche brodelt es.
Wir begleiten vornehmlich zwei Protagonisten. Misaki, eine Frau mit einer geheimen, gewaltvollen Vergangenheit, die versucht, sich in das enge Korsett der gesellschaftlichen Erwartungen des Dorfes und ihrer neuen Familie einzufügen, sowie ihren Sohn Mamoru, einen Schüler der renommierten Kampfkunstschule in den Bergen, der mit familiärem Druck, traditionellen Idealen von Ehre und Loyalität sowie der Suche nach seiner eigenen Identität ringt.
Ja, dieser behutsame Einstieg ist langatmig, aber letztlich notwendig. Er schafft die emotionale Verankerung, die das folgende Geschehen umso wirkungsvoller macht.
Sobald die Invasionstruppen die Halbinsel erreichen, kippt der Roman in einen intensiven, harten und teilweise verheerenden Kriegsabschnitt, der sich über mehrere Kapitel erstreckt.
Die Schlacht um Takayubi ist brutal, vielschichtig und hervorragend choreografiert. Wang gelingt es meisterhaft, sowohl groß angelegte Auseinandersetzungen als auch Duelle plastisch, dynamisch und emotional aufgeladen zu schildern.
So kraftvoll die Action-Szenen auch sind, die wahre Stärke des Romans liegt in seinen Figuren. Misakis persönlicher Weg - geprägt von Schuld, Selbstzweifeln, Verdrängung und schließlich Befreiung - ist ein Höhepunkt der gesamten Erzählung. Gleichzeitig überzeugt Mamorus Perspektive durch seinen naiven, aber zunehmend kritischeren Blick auf die politischen Realitäten des Kaigenese-Reiches. Diese beiden Entwicklungen greifen elegant ineinander.
Besonders hervorzuheben ist Wangs Umgang mit Nebenfiguren. Jede Person wirkt greifbar, mit eigenen Motivationen, eigenen Fehlern, eigener Geschichte. Dies verleiht dem Roman eine bemerkenswerte Authentizität und emotionale Glaubwürdigkeit.
Das Worldbuilding ist detailreich und durchdacht. Die theonitischen Kräfte - elementare Fähigkeiten, die eng an Blutlinien und genetische Voraussetzungen gebunden sind - verleihen der Welt eine Struktur, die mit vertrauten Versatzstücken arbeitet, aber dann eigenständig umgesetzt ist. Kaigen selbst, isoliert und traditionsgebunden, wird zu einem eindrucksvollen Mikrokosmos, in dem Konflikte zwischen Pflicht, Kultur, Macht und individueller Freiheit eskalieren.
Obwohl die Handlung weitgehend lokal verankert ist, vermittelt Wang geschickt Einblicke in religiöse, politische und ethnische Spannungen der weiteren Welt. Diese Andeutungen wirken weder überladen noch zufällig, sondern öffnen faszinierende Perspektiven, die neugierig auf weitere Geschichten im selben Universum machen.
„The Sword of Kaigen - Eine theonitische Kriegsgeschichte“ ist kein klassischer Grimdark-Roman voller Gewalt und Grausamkeit oftmals um ihrer selbst willen. Es ist ein ungewöhnlich reifer, emotionaler und vielschichtiger Fantasy-Roman, der Action, Magie, persönliches Trauma und politisches Intrigenspiel zu einer beeindruckenden Gesamtkomposition verbindet. Wer eine tiefgehende Charakter-Studie, intensives Worldbuilding und starke Martial-Arts-Elemente schätzt, findet hier eine entsprechende Lektüre.
Eine klare Empfehlung - sowohl für Leser, die sich für epische Fantasy interessieren, als auch für jene, die ein literarisch anspruchsvolles, emotional belastbares Familien-Drama suchen.