Kai Meyer: Das Alphabet der Masken (Buch)

Kai Meyer
Das Alphabet der Masken
Knaur, 2026, Hardcover, 428 Seiten, 24,00 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Dieser Roman ist die fünfte, völlig in sich abgeschlossene Erzählung Kai Meyers aus der Reihe „Die Geheimnisse des Graphischen Viertels“, welches im dem so genannten Stadtviertel von Leipzig spielt und zumindest in Teilen vor dem 2. Weltkrieg.

Diesmal spielt die Geschichte auf zwei Handlungsebenen, einmal erneut im Jahr 1930 (wie der Vorgänger) in und rund um das Graphische Viertel, und dann noch im Jahr 1970 in und rund um die Stadt Monaco (also auch zum Beispiel in Italien an der Ligurischen Küste).

 

Im Jahr 1930 lernen die Leser die junge Amalia Akenfeld kennen, die eigentlich Amalia Lux heißt und deren Mutter aber in die reiche Leipziger Verlegerfamilie Akenfeld eingeheiratet hat. Amalia ist jedoch Tochter eines dunkelhäutigen Vaters von den Salomonen (Inselstaat östlich von Neuguinea) und gehört aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe nicht so recht zur reichen Clique der Akenfelds. Sie ist hier eher geduldet. Als sie eines Abends ins Haus der Akenfelds zurückkehrt, sind zwei Angestellte und fast alle Familienmitglieder ermordet worden, die jüngere Schwester scheint entführt worden zu sein. Schnell flieht Amalia, da sie befürchtet, dass man ihr die Morde in die Schuhe schieben könnte...

Im Monaco des Jahres 1970 machen sich die junge Nada (sie lebt bei einer reichen alten Frau, die immer nur „Die Baronin“ genannt wird) und der mit ihr befreundete Tim (er lebt bei seinem reichen Onkel Em, dem ehemaligen Schriftsteller, der schon lange nichts mehr geschrieben hat) auf die Suche nach einer Künstlerin, die dereinst aufsehenerregende, geheimnisvolle Exlibris-Druckstöcke mutmaßlich für eine Geheimloge erschaffen hat.
Sowohl die alte Frau als auch der ehemalige Autor leben im gleichen Hochhaus in ihren jeweiligen Eigentumswohnungen. Die mysteriöse alte Frau ist auch die Auftraggeberin der Suche, bevor sie spektakulär ermordet wird.
Danach machen sich die beiden jungen Leute, oft begleitet von Onkel Em, auf die Suche nach der Künstlerin, um zu erfahren, wer der Mörder der alten Dame sein könnte und warum man sie so grausam meuchelte. Sie stoßen dabei auf ein Geheimnis, welches bis in die Zeit des Dritten Reiches zurückreicht...


Der fünfte Band dieser überaus interessanten Serie ist wieder deutlich spannender und unterhaltsamer als sein Vorgängerband („Das Antiquariat am alten Friedhof“), wenn er auch leider nicht an das überragende erste Buch dieser Serie („Die Bücher, der Junge und die Nacht“) heranreicht.

Diesmal glänzt der Autor durch einen sehr geschickt konstruierten Spannungsbogen, welcher den Lesenden locker und packend über die knapp über 420 Seiten trägt.

Die Charaktere sind gut gelungen und laden zur Identifikation ein. Interessant auch der Hintergrund der Geschichte, denn von sogenannter Raubkunst haben die meisten Menschen schon gehört. Dass dies jedoch nicht nur berühmte teure Gemälde betroffen hatte in der Zeit des 2. Weltkrieges, sondern auch Bücher, dürfte eher wenigen kulturell Interessieren geläufig sein. Vor allem die hohen Nationalsozialisten Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg ließen europaweit Bücher zum Thema Esoterik und Übersinnliches einsammeln und „Heim ins Reich“ schicken, da sie sich für diese Themen begeisterten. Viele okkulte Bände wurden nie wieder gefunden, andere tauchten in Schlössern und Burgen (zum Beispiel in Tschechien) wieder auf nach dem Krieg. Diese Tatsache bildet auch den Hintergrund dieser spannenden Geschichte.

Wer sich für diese Zeit und packende Geschichten interessiert, der wird von dieser Lektüre sicherlich nicht enttäuscht. Schön auch, dass der fünfte Band der Serie wieder richtig gelungen ist, zumindest auf dem Niveau des zweiten („Die Bibliothek im Nebel“) und dritten Bandes („Das Haus der Bücher und Schatten“), die auch schon richtig gut waren. Überragend ist und bleibt aber bisher nur der erste Band dieser empfehlenswerten Serie.