Christopher Buehlman: Zwischen zwei Feuern (Buch)

Christopher Buehlman
Zwischen zwei Feuern
(Between Two Fires, 2012)
Übersetzung: Jochen Schwarzer
Titelbild: Johannes Wiebel
Tor, 2026, Hardcover, 508 Seiten, 16,00 EUR

Rezension von Gunter Barnewald

Joe Hill, namhafter Horror-Schriftsteller und Sohn von Stephen King, weist in einem kurzen Vorwort darauf hin, dass der vorliegende Roman im Original bereits 2012 erschienen war. Leider verschwand das tolle Buch relativ sang- und klanglos und unbemerkt wieder vom US-amerikanischen Literaturmarkt. Erst die Ausbreitung des Corona-Virus (und die Tatsache, dass der Autor sein Werk zurückkaufte und erneut veröffentlichen ließ in den 2020er Jahren), Werbung von Fans über BookTok und eine größere Neuauflage bei Tor in den USA machten das Buch dann doch noch bekannt und diesmal gab es auch deutlich bessere Verkaufszahlen. Völlig zurecht!

Nun erscheint dieser wuchtige und sehr bemerkenswerte Historische Roman mit deutlich religiösen Bezügen und handfesten phantastischen Elementen auch in Deutschland.

Um es vorwegzunehmen: Bücher wie dieses sind nicht nur literarisch und inhaltlich ein Highlight, sie sind auch die Würze im literarischen Allerlei (Romantasy) der Verlage.


Zum Inhalt: Das Buch spielt im mittelalterlichen Frankreich des Jahres 1348, in dem die Pest mit nie gekannter Heftigkeit wütet. Ganze Landstriche sind leergefegt, Höfe und Häuser stehen leer, die Ernte kann nicht eingebracht werden, während der Tod umso reichhaltiger Ernte hält.

Neben Hungersnot hat sich auch jedwede rechtliche Ordnung verflüchtigt und vielerorts gilt das Recht des Stärkeren oder Grausameren.

Thomas de Givras war dereinst ein treuer Ritter, der seinem Herrn in eine desaströse Schlacht für die Franzosen (historische Schlacht bei Crécy) folgte. Die Briten mit ihrer klugen Taktik und ihren Langbogen vernichteten jedoch das an Kriegern haushoch überzählige Heer der Franzosen fast vollständig. Und während Thomas‘ Herr starb, überlebte der starke Krieger schwerverletzt die blamable Schlacht, nur um hinterher zu erleben, wie seine Frau und Diener ihm untreu werden und sein Besitz von einem Ritter der Sieger (einem Normannen) in Besitz genommen wurde.

Der desillusionierte Thomas schließt sich deshalb einer Gruppe von brutalen Briganten an und lebt fortan von Überfällen, bis er eines Tages auf ein junges, noch unschuldiges Mädchen am Rande der Pubertät trifft, deren Eltern der Pest erlegen sind.

Während die Kleine Opfer von Thomas‘ Kollegen werden soll, merkt der ehemalige Ritter, dass Delphine, so der Name des Mädchens, mehr ist als nur ein normales Kind. Sie kann mit den Engeln reden und hat wohl eine heilige Mission vor sich.

Thomas rettet ihr Leben, indem er zwei seiner Kumpane tötet, und geht mit ihr und dem trunksüchtigen, homosexuellen Priester Matthieu Hanicotte, den beide kurz darauf kennenlernen, auf die geheiligte Mission. Denn die gefallenen Engel wollen die Erde übernehmen und sie in eine Hölle verwandeln, indem sie den Papst, der zu dieser Zeit in Frankreich residiert, übernommen haben und manipulieren...


Und so erleben die drei allerhand phantasievolle, brutale und überraschende Abenteuer auf ihrem Weg durch ein Land, welches überall durch die Pest gezeichnet ist und in dem hinter jeder Ecke aufgequollene menschliche Leichen liegen.

Buehlman gelingt es hier meisterhaft, die gruselige Atmosphäre dieser unseligen Zeit herauszuarbeiten. Er ist dabei nicht nur ein absoluter Könner in der Erschaffung einer packenden und überzeugenden Erzählung, auch seine Dialoge sind von subtiler Virtuosität. Ob es die ganzen übernatürlichen phantastischen Elemente (wie zum Beispiel das riesige, mörderische Flusswesen oder andere) wirklich gebraucht hätte, ist allerdings fraglich, denn die eigentliche Geschichte ist von dermaßen elementarer Wucht, dass es dieser „Beigaben“ gar nicht mehr bedurft hätte.

Der Autor entwickelt den Spannungsbogen der Geschichte jedenfalls extrem gekonnt, so dass während der ganzen Lektüre des Buchs keinerlei Langeweile aufkommen kann.

Und selbst Menschen, die nicht ausgeprägt (christlich) religiös sind, können sicherlich mit der hier vorgestellten Prämisse der gefallenen Engel, die Gottes Schöpfung übernehmen und in etwas Unsägliches verwandeln wollen, leben, wird diese doch relativ wenig penetrant vorgetragen und bildet nur so eine Art motivierenden Hintergrund der Erzählung.

Auch die beschriebenen Charaktere sind glaubhaft dargestellt und kommen, bei aller Rohheit (Thomas‘ Aggressionen, Matthieus Trunksucht), doch sehr sympathisch rüber. Gerne fiebert man mit den dreien mit und wünscht ihnen eine gelungene Mission.

Erst gegen Ende hat man dann das Gefühl, dass die Geschichte doch etwas zu harmonisch ausläuft für diese harte Zeit und die vom Autor ohne Beschönigungen beschriebenen Sujets und Grundkonstellationen.

Trotzdem bleibt „Zwischen den Feuern“ ein echter Meilenstein, ein grandioser phantastisch-historischer Roman, wie man ihn nur sehr selten zu lesen bekommt. Toll, dass er nicht nur wiederaufgelegt wurde, sondern dass, durch die Wiederauflage, auch diese deutsche Ausgabe möglich wurde.