Gene Wolfe: Schatten & Klaue - Das Buch der Neuen Sonne 1 & Schwert & Zitadelle - Das Buch der Neuen Sonne 2 (Buch)

Gene Wolfe
Schatten & Klaue
Das Buch der Neuen Sonne 1
(The Shadow of the Torturer (1980) & The Claw of the Conciliator (1981))
Übersetzung: Reinhard Heinz & Hannes Riffel
Titelbild: S. Beneš
Carcosa, 2026, Hardcover, 696 Seiten, 28,00 EUR

 

Gene Wolfe
Schwert & Zitadelle
Das Buch der Neuen Sonne 2
(The Sword of the Lictor (1982) & The Citadel of the Autarch (1983))
Übersetzung: Reinhard Heinz & Hannes Riffel
Titelbild: S. Beneš
Carcosa, 2026, Hardcover, 696 Seiten, 28,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Die Welt, rund eine Million Jahre in unserer Zukunft. Die natürlichen Ressourcen sind weitgehend erschöpft, Bergleute durchstöbern die Ruinen längst vergangener Metropolen - Städte, die für uns noch in ferner Zukunft liegen -, nach Überbleibseln und Rohstoffen.

Der Mond, nunmehr Lune genannt, ist grün und bewaldet, das Ergebnis uralter Terraforming-Projekte.

Einst bereiste die Menschheit die Sterne, doch diese Zeit ist lange schon vorbei. Irgendetwas geschah - eines der großen Rätsel des Romans -, das die menschliche Zivilisation auf ihre Heimatwelt zurückwarf und zugleich die Sonne verwundete. Seither zehrt Urth, wie die Erde nun heißt, von den letzten Resten ihrer einstigen Größe.

Eine uralte Prophezeiung kündet von der „Neuen Sonne“, einer messianischen Gestalt, die der sterbenden Welt neues Licht und neue Lebenskraft bringen soll. Zugleich verweist sie auf den geheimnisvollen „Versöhner“, der tausend Jahre zuvor gelebt haben soll. Beide Figuren, so heißt es, seien ein und dieselbe Person.

In dieser sterbenden Welt leben die Menschen des Commonwealth zwischen Aberglauben, religiöser Verehrung und ständiger Bedrohung. Außerirdische Besucher werden vom einfachen Volk gleichermaßen gefürchtet wie gehasst. Fremdartige Kreaturen und aus längst vergangenen Zeitaltern rekonstruierte Tiere durchstreifen die Wildnis. Im Norden führen die geheimnisvollen Ascians, das „Volk ohne Schatten“, einen endlosen Krieg gegen das Commonwealth.

Wir begegnen Severian, dem Erzähler der Geschichte. Als Lehrling der Gilde der Wahrheitssucher und Büßer - besser bekannt als die Folterer-Gilde - wächst er in einer höchst ungewöhnlichen Gesellschaft auf. Im Verlauf des ersten Bandes wird er zum Gesellen erhoben und tritt jene Reise an, die den Kern des gesamten Zyklus bildet.

Severian behauptet von sich, über ein vollkommenes Gedächtnis zu verfügen und niemals etwas zu vergessen. Gerade dadurch wird er zu einem faszinierenden „unzuverlässigen“ Erzähler. Denn wenn seine Schilderungen Widersprüche aufweisen oder Fragen offenlassen, kann sich der Leser nicht mit der Erklärung zufriedengeben, der Erzähler habe sich schlicht geirrt oder etwas vergessen. Jede Ungereimtheit wird selbst zum Teil des Rätsels.


Gene Wolfes „Buch der Neuen Sonne“ gilt heute als eines der bedeutendsten Werke der Phantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Einflüsse von Jack Vances „Dying Earth“ (dt. „Die sterbende Erde“) sind unverkennbar, doch Wolfe geht weit über eine bloße Hommage hinaus. Seine Zukunftsvision ist keine postapokalyptische Welt nach einer großen Katastrophe. Vielmehr zeigt er, wie die Menschheit langsam, über unzählige Jahrtausende hinweg, ihre Zivilisation verliert. Es ist, wie Wolfe selbst bemerkte, die „Zukunft des Nichtstuns“ - eine Welt, die nicht durch einen spektakulären Untergang zerstört wurde, sondern durch einen schleichenden Niedergang.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mir kurz nach Erscheinen der Reihe die amerikanische Originalausgabe besorgte. Die Begeisterung hielt allerdings nicht lange an. Mein damaliges Schulenglisch reichte schlicht nicht aus, um die komplexe Sprache und die zahlreichen Bedeutungsebenen der Romane wirklich zu erfassen. Erst mit der deutschen Ausgabe von Heyne gelang es mir, die Lektüre nachzuholen und Wolfes Meisterwerk in seiner ganzen Tiefe zu entdecken.

Nun hat sich Carcosa-Herausgeber Hannes Riffel des Stoffes erneut angenommen. Als Grundlage diente ihm die klassische Übersetzung von Reinhard Heinz - allein dies darf bereits als Auszeichnung für die damalige Arbeit gelten. Wer Riffels bisherige Übersetzungen kennt, weiß, mit welcher Akribie und welchem Respekt vor dem Original er arbeitet. Entsprechend handelt es sich hier nicht um eine vollständige Neuübersetzung, sondern um eine sorgfältige Überarbeitung, die den Text behutsam modernisiert und zugleich näher an Wolfes Original heranführt.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Wolfes verschachtelte, oft bewusst mehrdeutige Erzählweise bleibt erhalten, wirkt dabei jedoch zugänglicher als in früheren Ausgaben. Die Neuauflage bietet damit sowohl langjährigen Fans als auch Neueinsteigern einen hervorragenden Zugang zu einem Roman-Zyklus, der seinen legendären Ruf vollkommen zu Recht genießt.

„Das Buch der Neuen Sonne“ ist kein Werk für Leser, die schnelle Antworten und eindeutige Erklärungen suchen. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, zwischen den Zeilen zu lesen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt jedoch einen der vielschichtigsten, intelligentesten und faszinierendsten Science-Fiction-Zyklen überhaupt.