James Islington: An Echo of Things to Come (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Montag, 10. August 2026 07:19

James Islington
An Echo of Things to Come
Licanius 1
(An Echo of Things to Come, 2017)
Übersetzung: Ruggero Leò
Titelbild: Dominick Saponaro
Adrian, 2026, Paperback, 714 Seiten, 20,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Mit „An Echo of Things to Come“ legt James Islington den Mittelband seiner „Licanius“-Trilogie vor - und macht sich damit an jene oft undankbare Aufgabe, an der viele große Fantasy-Zyklen scheitern. Er erweitert die Welt nicht nur, sondern verändert das Verständnis von ihr grundlegend.
Wo „The Shadow of What Was Lost“ vor allem Figuren, Magiesystem und Konflikte vorstellte, beginnt nun die eigentliche Demontage der Gewissheiten, auf denen diese Welt aufgebaut wurde.
Die Handlung setzt unmittelbar nach den Ereignissen des Vorgängers ein. Die gewaltige Grenze im Norden, jene uralte Barriere gegen die Schrecken der Darklands, droht zu versagen. Davian, Wirr, Asha und Caeden verfolgen scheinbar unterschiedliche Ziele, bewegen sich jedoch allesamt auf dieselbe Katastrophe zu.
Während Davian immer tiefer in das Netz aus Prophezeiungen, Zeitparadoxien und möglichen Zukunftsverläufen hineingezogen wird, kämpft Wirr als neuer Northwarden gegen politische Intrigen und entdeckt, dass die offizielle Geschichtsschreibung seines Reiches auf mehr als fragwürdigen Fundamenten ruht. Asha stößt bei ihren Nachforschungen über die geheimnisvollen Shadows auf Erkenntnisse, die ihre eigene Herkunft ebenso betreffen wie das Schicksal Andarras. Im Zentrum des Romans steht jedoch Caeden, dessen verlorene Erinnerungen nach und nach zurückkehren und die wahre Geschichte des legendären Tal'kamar Deshrel enthüllen…
Gerade dieser Handlungsstrang macht die besondere Qualität des Romans aus. Islington entwirft keinen klassischen Kampf zwischen Licht und Finsternis, Gut versus Böse, sondern ein komplexes Geflecht aus Schuld, Erinnerung und historischen Missverständnissen. Die Figur Tal'kamars, der uns lange als archetypischer Verräter präsentiert wurde, gewinnt eine bemerkenswerte Ambivalenz. Held, Opfer und Täter zugleich, wird er zum tragischen Kern einer Geschichte, die sich zunehmend für die Frage interessiert, ob Menschen überhaupt frei handeln können oder lediglich den Spuren eines längst festgeschriebenen Schicksals folgen.
Überhaupt ist „An Echo of Things to Come“ weniger ein Roman der Schlachten als einer der Enthüllungen. Fast jede größere Erkenntnis stellt bisherige Annahmen infrage. Die Geschichte des Krieges gegen die Auguren erweist sich als verfälscht, religiöse Gewissheiten geraten ins Wanken, und selbst die Trennung zwischen Gut und Böse verliert ihre Eindeutigkeit. Stattdessen rücken philosophische Fragen nach Vorherbestimmung, Verantwortung und der Natur der Zeit in den Vordergrund.
Bei Islington beeinflusst die Zukunft die Vergangenheit ebenso sehr wie umgekehrt, und viele Ereignisse gewinnen erst im Rückblick ihre eigentliche Bedeutung.
Das verlangt den Lesenden allerdings Einiges ab. Bereits der Vorgänger war reich an Namen, Fraktionen und historischen Hintergründen; nun wächst die Komplexität noch einmal deutlich. Neue Figuren treten auf, alte erhalten größere Rollen, und besonders Caedens Erinnerungssequenzen können anfangs verwirrend wirken. Wer die Details des ersten Bandes nicht mehr präsent hat, wird gelegentlich ins Straucheln geraten. Islington setzt voraus, dass sein Publikum aufmerksam dabei und bereit ist, Puzzleteile über Hunderte von Seiten hinweg zusammenzutragen.
Das macht die Lektüre ebenso anstrengend, wie faszinierend. Trotz seines beträchtlichen Umfangs entwickelt die Handlung einen eigentümlichen Sog. Die Figuren wachsen sichtbar an ihren Aufgaben, vor allem das einstige Freundestrio Davian, Wirr und Asha gewinnt an Tiefe. Ihre kurzen Begegnungen erinnern immer wieder daran, dass hinter den weltbewegenden Ereignissen junge Menschen stehen, deren Leben von der Last der Geschichte überschattet wird. Gleichzeitig erweitert Islington sein Magiesystem eindrucksvoll.
Der Roman benötigt einige Zeit, um Fahrt aufzunehmen, doch spätestens im letzten Drittel greifen die zahllosen Handlungsfäden ineinander. Enthüllungen folgen Schlag auf Schlag, Tragödien und Verluste verdichten die Spannung, und das Finale steigert sich zu einem Cliffhanger, der die Zeit bis zu dem Erscheinen des bislang bei uns in der Übersetzung noch nicht vorliegenden Abschlussbandes (die ersten beiden Teile erschienen vor Jahren bei Knaur) lang werden lässt.