Stacey McEwan: A Forbidden Alchemy - Das Geheimnis der Alchimistin (Buch)

Stacey McEwan
A Forbidden Alchemy - Das Geheimnis der Alchimistin
The Artisan 1
(A Forbidden Alchemy, 2025)
Übersetzung: Ariane Yoshihiro-Storm
Heyne, 2026, Hardcover, 574 Seiten, 24,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Manchmal genügt ein einziger Test, um ein ganzes weiteres Leben zu bestimmen. In Stacey McEwans „A Forbidden Alchemy - Das Geheimnis der Alchimistin“ entscheidet die Einnahme eines alchemistischen Tranks innerhalb weniger Sekunden darüber, ob ein Kind zu den privilegierten magiebegabten Artisans gehört oder als gewöhnlicher Handwerker seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen muss.

 

Als die zwölfjährigen Nina und Patrick gemeinsam diesem Schicksalsmoment entgegenblicken, stoßen sie auf ein Geheimnis, das die Grundfesten ihrer Welt erschüttert. Doch während Nina sich für das Schweigen entscheidet und in der glänzenden Welt der Artisans aufsteigt, kehrt Patrick in die Minen seiner Heimat zurück. Jahre später stehen sie sich erneut gegenüber - nicht nur als ehemalige Freunde, sondern als Angehörige verfeindeter Lager in einem Land am Rande der Revolution…


McEwan verbindet in ihrem Roman klassische Romantasy-Elemente mit einem überraschend politischen Plot. Hinter der Fassade eines magischen Gesellschaftssystems verbirgt sich letztlich ein Klassenkonflikt: Die Handwerker leisten die harte, oftmals lebensgefährliche Arbeit, die das Land am Laufen hält, während die Artisans von ihren besonderen Fähigkeiten und ihrem gesellschaftlichen Status profitieren. Die Autorin zeichnet diese Ungleichheit nicht besonders subtil, aber wirkungsvoll nach und macht sie zum Motor einer Geschichte, die ebenso von gesellschaftlicher Spaltung wie von persönlicher Schuld erzählt.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Nina und Patrick - eine Liebesgeschichte, die sich bewusst Zeit nimmt. Statt auf schnelle romantische Höhepunkte zu setzen, entwickelt McEwan ihre Figuren über Jahre hinweg. Die Verbindung, die die beiden als Kinder aufgebaut haben, wird von Misstrauen, Loyalitätskonflikten und den Entscheidungen der Vergangenheit überschattet. Als Erwachsene müssen sie sich fragen, ob sie einander überhaupt noch kennen, geschweige denn vertrauen können. Gerade dieses langsame einander annähern verleiht den romantischen Momenten später ihre emotionale Wucht.

Besonders interessant ist dabei die Figurenzeichnung. Nina ist keine klassische Heldin. Ihre größte Schwäche ist ihre Passivität. Sie hat gelernt, sich anzupassen und Konflikten aus dem Weg zu gehen, weil sie jahrelang in Angst gelebt hat. Ihre Geschichte ist die einer Frau zwischen zwei Welten, die weder bei den Artisans noch bei den Handwerkern wirklich dazugehört. Diese innere Zerrissenheit macht sie glaubwürdig, auch wenn ihre Unentschlossenheit uns Lesende gelegentlich frustrieren kann.

Patrick hingegen wirkt zunächst wie der vertraute Archetyp des grüblerischen Rebellenführers, gewinnt durch die Fragen nach Loyalität, Verantwortung und politischer Prägung jedoch bald schon deutlich an Tiefe. Als Anführer des Aufstands trifft er harte Entscheidungen, die nicht immer moralisch vertretbar erscheinen, aber aus seiner Perspektive notwendig sind. McEwan zeigt eindrucksvoll, wie Herkunft und Gemeinschaft politische Überzeugungen formen können - und wie schwer es ist, sich von diesen Bindungen zu lösen.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven von Nina und Patrick. Besonders in der ersten Hälfte profitiert der Roman davon, dass Patrick lange rätselhaft bleibt, während die Leserinnen und Leser gemeinsam mit Nina die schillernde, aber manipulative Welt der Artisans erkunden. Die unterschiedlichen Blickwinkel verleihen dem Konflikt zusätzliche Komplexität und verhindern allzu einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Auch die Atmosphäre trägt erheblich zum Reiz des Romans bei. Der Großteil der Handlung spielt in einer rauen, an die britische Bergbauregionen des frühen 20. Jahrhunderts erinnernden Landschaft. Windgepeitschte Moore, gefährliche Stollen und vom Bergbau gezeichnete Gemeinden schaffen eine melancholische Kulisse, die hervorragend mit der Grundstimmung der Geschichte harmoniert. Die Welt wirkt lebendig und glaubwürdig, gerade weil sie nicht von spektakulären magischen Effekten dominiert wird.

Tatsächlich geht McEwan mit ihrem Magiesystem bemerkenswert zurückhaltend um. Die Fähigkeiten der Artisans basieren auf Affinitäten zu bestimmten Materialien oder Elementen - von Erdmagie bis hin zur Manipulation von Tinte für die Fernkommunikation. Doch obwohl die Magie den gesellschaftlichen Konflikt begründet, tritt sie im Alltag erstaunlich selten in Erscheinung. Zeitweise vergisst man beinahe, dass man einen Fantasy-Roman liest. Das mag Leserinnen und Leser enttäuschen, die spektakuläre Zaubersysteme erwarten; zugleich verleiht es den politischen und emotionalen Konflikten größeres Gewicht.

Das Erzähltempo gerät gelegentlich ins Stocken, und manche Passagen - insbesondere Ninas langes Zögern - wirken etwas überdehnt. Auch bleibt Patrick als Figur letztlich oft interessanter als seine weibliche Gegenfigur.

„A Forbidden Alchemy - Das Geheimnis der Alchimistin“ überzeugt vor allem dort, wo Romantasy sonst regelmäßig scheitert: Die Liebesgeschichte steht nicht isoliert neben der Handlung, sondern wächst organisch aus den gesellschaftlichen und politischen Spannungen der Welt. Stacey McEwan verbindet Klassenkampf, Identitätssuche und Romantik zu einem atmosphärischen, emotionalen Auftakt, dessen Finale die Bühne für die Fortsetzung bereitet.