Algernon Blackwood: Der Wendigo und andere Erzählungen (Buch)

Algernon Blackwood
Der Wendigo und andere Erzählungen
Übersetzung und Nachwort: Michael Siefener
Festa, 2026, Hardcover, 460 Seiten, 36,99 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

In der von dem viel zu früh von uns gegangenen Andreas Fliedner herausgegebenen Reihe „Weird Fiction“ legt uns der Verlag einen weiteren, handwerklich mustergültig ausgestatteten Band mit Geschichten von Algernon Blackwood vor.

Es ist auffällig, dass der Brite - nicht nur hierzulande - eine treue Fan-Gemeinde hinter sich vereint. Nach den ersten Sammelbänden in der beim Insel Verlag erschienenen „Bibliothek des Hauses Usher“, veröffentlichte Suhrkamp über die Jahre immer wieder Auswahlbände mit seinen Geschichten („Das leere Haus“, „Besuch von Drüben“, „Tanz in den Tod“). Seit einigen Jahren nimmt sich zudem Achim Hildebrand im Rahmen des „Zwielicht“-Magazins dessen Werk an. Dort sind bereits drei Sammelbände erschienen, die größtenteils unveröffentlichte, erstmals ins Deutsche übertragene Preziosen versammeln.

Nun also, nach „Der Zentaur“ (Festa, „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“) und den gesammelten Geschichten um den okkulten Detektiv John Silence in „Angriff auf die Seele“, in dieser Reihe), ein weiterer Sammelband von Festa.

Michael Siefener, einer der versiertesten Kenner, Autor und Übersetzer phantastischer und übernatürlicher Literatur, hat auch diesen Band einfühlsam ins Deutsche übertragen. Neben bekannten, ja klassischen Erzählungen legt er uns unter den insgesamt sechzehn enthaltenen Geschichten immerhin auch fünf deutsche Erstveröffentlichungen vor.


Blackwoods erzählerische Welt ist dabei unverkennbar. Im Zentrum stehen häufig kultivierte, zumeist wohlhabende Männer des Bildungsbürgertums, fest verankert in gesellschaftlichen Konventionen, die durch eine unheimliche Erfahrung aus ihrem sicheren Weltbild gerissen werden. Das Übernatürliche tritt bei Blackwood selten als bloßer Schock-Effekt auf, vielmehr fungiert es als Katalysator existenzieller Fragen. Schuld, Sühne, Tod, Wiedergeburt, Naturmystik und eine oft melancholische Sehnsucht nach Sinn durchziehen die Erzählungen wie ein leiser, aber beständiger Strom.


Die hier versammelten Geschichten zeigen die ganze thematische und atmosphärische Bandbreite des Autors. Von folkloristisch angehauchten Geschichten über psychologische Studien bis hin zu philosophisch grundierten Novellen reicht der Bogen. Auffällig ist dabei die große Zurückhaltung gegenüber explizitem Horror. Blut, Gewalt oder drastische Effekte interessieren Blackwood kaum. Stattdessen setzt er auf Atmosphäre, Suggestion und eine oft schmerzlich schöne Melancholie. Das Grauen entsteht im Kopf der Lesenden, nicht in den grellen Farben des Textes. Gerade hierin liegt die nachhaltige Wirkung vieler Geschichten, die noch lange nachhallen.

Wer grellen Horror sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch literarisch anspruchsvolle, atmosphärisch dichte und gedanklich anregende Erzählungen schätzt, findet in diesem Band einen der überzeugendsten Zugänge zu einem der bedeutendsten Autoren der Unheimlichen Literatur.

So ist auch dies wieder ein Sammelband, der uns einen der wichtigsten englischen Vertreter der Unheimlichen Literatur näherbringt. Die Geschichten sind weit entfernt vom heute üblichen, effektorientierten Horror. Blackwood nähert sich seinen Themen mit großer Einfühlsamkeit und konzentriert sich auf merkwürdige, unerklärliche Begebenheiten und deren Auswirkungen auf seine Figuren. Das Unheimliche dient ihm meist als Ausgangspunkt für philosophische Fragen nach der Endlichkeit des Seins, nach höheren Mächten und nicht zuletzt nach der Schönheit und dem Geheimnis der Natur.