Uwe Hermann: Mein Mensch und ich (Buch)

Uwe Hermann
Mein Mensch und ich
2026, Taschenbuch, 232 Seiten, 12,99 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Der siebte Band mit Erzählungen des wunderbaren Autors Uwe Hermann enthält 15 Storys und eine Novelle auf 232 Seiten. Wie die anderen sechs Bände sind auch hier wieder überwiegend tolle SF-Geschichten versammelt.

Ein besonderes Lob für das eindrückliche Cover, welches wohl vom Autor selbst mit Hilfe einer KI generiert wurde.


In vielen Geschichten spielen Roboter und vor allem Künstliche Intelligenzen eine wichtige Rolle. So in der titelgebenden Novelle (mit knapp 60 Seiten diesmal die einzig längere Geschichte), in der ein ehemaliger Polizeibeamter (Menschen wurden bei der Polizei mittlerweile alle entlassen, nur KI ermitteln noch) und der von ihm erworbene veraltete und ausgemusterte ehemalige Polizeiroboter (er ist auch der Ich-Erzähler dieser Erzählung) dem Diebstahl mehrerer Leichen aus dem Leichenschauhaus nachgehen. Die Toten starben angeblich alle an einer Fischvergiftung. Aber natürlich stimmt weder diese Angabe noch ist der Auftraggeber ganz koscher...

Schon im sehr guten Vorwort weist Karlheinz Steinmüller darauf hin, dass es bei den Erzählungen des Autors oft gegen Ende einen oder gar mehrere Twists gibt, welche die Geschichte nochmals ganz auf den Kopf stellen. So auch hier. Zudem verweist Steinmüller darauf, dass Hermann auch mal einen seiner Kollegen (in diesem Fall den SF-Schriftsteller Axel Kruse) in fremde Welten schickt. Dies passiert in der witzigen Kurzgeschichte „Zeitreise auf Rezept“, in der ein neues Medikament gegen Burn-out den Kollegen in die 60er Jahre zurückversetzt soll zur Entschleunigung. Oder ist das Präparat doch nur ein Halluzinogen? Natürlich gibt es auch hier einen finalen Twist.

Steinmüller bezeichnet die Vorgehensweise, gute Kollegen in die Erzählung einzubauen, als „Tuckerisierungen“, benannt nach dem US-amerikanischen Schriftsteller Wilson Tucker (vor allem SF, aber auch Abenteuergeschichten und Krimis). Eine allerdings auch von anderen Autoren schon genutzte Technik (so verwurstete unter anderem Kultautor Jack Vance bereits sich selbst und die befreundeten Kollegen Poul Anderson und Frank Herbert in einem seiner Romane in Verballhornung aller drei Namen).

Auf jeden Fall gehört die hier veröffentlichte Story zu den wirklich gelungensten der Sammlung, ebenso wie die Fortsetzung einer tollen Geschichte aus einem der Vorgängerbände, in der alle Haushaltsgeräte künstliche Intelligenz aufweisen. In der hier vorliegenden Story („Die Rückkehr der Dinge“) kauft sich der Besitzer der Haushaltsgeräte ein neues, hochmodernes Gerät, welches dafür sorgen will, dass die alten Geräte möglichst schnell verschrottet werden. Dies können die alt-angestammten Geräte natürlich nicht auf sich sitzen lassen…

Genauso köstlich die Erzählung, in der ein Mann eine KI heiraten will („Nora bestand auf Blumen“) und doch nur knallhart ausgenutzt wird. Oder die lustige Kurzgeschichte „Der beste Roman aller Zeiten“, in der menschlicher Kreativität keinerlei Wertschätzung mehr entgegengebracht wird, da alle Menschen davon überzeugt sind, dass nur von künstlichen Intelligenzen erschaffene Kunst wertvoll und hochklassig ist. Ohne Ansehen des Kunstwerks werden so alle menschlichen Produkte abgelehnt, so dass zwei findige Künstler auf eine Betrugsmasche zurückgreifen, um endlich die verdiente Anerkennung zu finden.

Ebenfalls wunderbar augenzwinkernd kommt die kurze Story „Der Löwenkönig“ daher, in der man wirklich gar nicht mehr unterscheiden kann, wer nun ein echter Mensch ist, und wer Fake, selbst wenn es sich um die eigene Familie handelt. Na Prost Mahlzeit, dann!

Immer wieder zeigt der Autor aber auch, dass ihm zu Herzen gehende traurige Geschichten gut gelingen. Hier heißt die Story „Doro“ und berichtet von der hilfreichen Anteilnahme einer KI beim Sterben eines alten Mannes, dessen langjährige Partnerin vor ihm gegangen ist.

Auch „Evelyn“ umweht ein zarter Hauch von Melancholie, bleibt von einem jungen Leben einer Frau doch nur die akribischen Aufzeichnungen einer KI.

Wiederum sehr witzig ist die kurze Story „Familienbetrieb“, die den Erzählungsband beschließt. Hier erweist sich ein klischeehaft-fauler Teenager als doch gar nicht ganz so typisch...

In „Alles eine Frage der Energie“ dagegen entdeckt ein Forscher in der fernen Zukunft, welcher verhängnisvoller Fehler allen Zivilisationen vor seiner eigenen unterlief; doch leider macht seine Zivilisation gerade den gleichen...

Leider sind die restlichen sechs Storys nicht ganz so gut wie die zehn oben genannten, wenn auch noch immer lesbar und insgesamt in Ordnung.

Die sehr spannende längere Geschichte „Die Invasion der Helferlein“ krankt daran, dass das Ende viel zu optimistisch ist für das hemmungslos düstere Sujet. Denn die Invasion der fremden Roboter, welche die Menschheit gnadenlos auszulöschen beginnen, wird doch allzu trivial und unglaubwürdig unterbrochen.

Und während „Die seltsame Wanderung des Jonas Darwin Potter“ immerhin noch durch die bunten Welten überzeugt, in die der arme Mann bei buchstäblich jedem Schritt geschleudert wird (wobei es unglaubwürdig erscheint, dass er dabei nicht getötet oder zumindest schwer verletzt wird), erscheint die Psychose des Protagonisten in „Der Quantenzwilling“ (inhaltlich gibt es hier eine gewisse Ähnlichkeit zur vorher erwähnten Kurzgeschichte) dann doch als außerirdischer Kontaktversuch und erfüllt damit leider alle abgegriffenen Klischees (dies ist vielleicht die schwächste Story des ganzen Bandes).

Und während „Sechs Prozent“ nur ein kurzes Schmunzelstück ohne viel Handlung zu sein scheint, erzählt „Ein Stückchen Erinnerung“ die bittere Geschichte einer unendlichen Qual, die man so aber auch schon in anderen Geschichten gelesen oder als Film oder Serienfolge gesehen hat.

Auch „Die einmalig seltsame Schöpfungsmaschine“ überzeugt mit ihrer Art von intergalaktischer Tierschau und Zirkus leider nicht wirklich, bleibt jedoch ebenso lesbar, wie die anderen fünf schwächeren Storys.


Insgesamt ist Uwe Hermann aber wieder eine gute Sammlung von Erzählungen gelungen, deren gelungensten Texte wieder zum Besten gehören, was man aktuell in der deutschen SF lesen kann.

Einziges Manko dieses Bandes vielleicht: Im Gegensatz zum Vorgängerband, „Die Tage des Lärms“, fehlt hier die eine oder andere ganz überragende Erzählung, welche der sechste Geschichtenband tatsächlich fast in Überfülle bot. So sind die hier versammelten Texte einfach nur gut (aber leider nicht überragend)!