Tracy Wolff: Aftermyth - Penelope und die Prüfung der Götter (Buch)
- Details
- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Sonntag, 29. März 2026 09:12

Tracy Wolff
Aftermyth - Penelope und die Prüfung der Götter (The Aftermyth, 2026)
Übersetzung: Ivana Marinović
Titelbild: Helene Elias
dtv, 2026, Hardcover, 448 Seiten, 20,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Penelope Weaver entstammt einer alteingesessenen, ehrwürdigen Familie. Seit Generationen besuchen die Weavers die Anaximander-Akademie und stehen unter dem Schutz der Göttin Athena. Dass Penelope und ihr Zwillingsbruder diesen Weg fortsetzen würden, galt als ausgemacht - ebenso wie die Gewissheit, von der Göttin selbst willkommen geheißen zu werden. Schließlich ist man ja wer!
Doch am Tag der Einschulung gerät für Penelope alles aus den Fugen - und zwar gründlich.
Während ihr Bruder und die übrigen Eleven scheinbar mühelos die Brücke überqueren, um sich im Amphitheater zur feierlichen Einführung einzufinden, wird Penelope in ein Geschehen verwickelt, das sich jeder Ordnung entzieht: Die kunstvoll geschnitzten Ranken der Brücke verwandeln sich plötzlich in Schlangen - igitt -, der Boden gerät in Bewegung, und sie findet sich schließlich, orientierungslos im Wald, einem ziemlich rätselhaften, gutaussehenden Mitschüler aus dem Haus Hades gegenüber.
Verspätet und außer Atem erreicht sie doch noch die Zeremonie - nur um wenig später, durchnässt (ganz lange Story), nicht etwa Athena, sondern Aphrodite zugeteilt zu werden. Statt Disziplin und Ernsthaftigkeit erwarten sie nun Lebenslust, Chaos - und eine Handvoll überraschend loyaler, warmherziger Gefährten.
Bereits in der ersten Unterrichtseinheit wird die Geschichte Pandoras - jener verhängnisvollen Büchse und ihrer Übel - thematisiert. Ein Ausflug in den Hades später beschleicht Penelope eine beunruhigende Ahnung; Ihre Wahrnehmung verändert sich, als kündige sich eine seit der Zeit der Titanen vergessene Ungerechtigkeit an…
Tracy Wolff zählt bei dtv zu den prägenden Stimmen im Bereich der Romantasy und des Jugendbuchs. Mit ihrer „Katmere Academy“-Reihe hat sie ein großes Publikum erreicht und sich als Garantin für spannungsreiche, emotional aufgeladene Unterhaltung etabliert.
Mit dem vorliegenden Auftakt einer neuen Reihe wendet sie sich nun einem jüngeren Lesepublikum zu. Das vertraute Academia-Setting bleibt erhalten, wird diesmal jedoch um die antike griechische Götterwelt erweitert. Assoziationen zu „Percy Jackson“ drängen sich zunächst auf, doch Wolff schlägt rasch eigene erzählerische Wege ein.
Wer erwartet, das Zwillingsmotiv werde genutzt, um parallele Einblicke in unterschiedliche Häuser zu eröffnen, sieht sich getäuscht: Der Fokus liegt klar auf Penelope. Ihre Entwicklung verläuft dabei entlang zweier Achsen - der Abbau einer anerzogenen Überheblichkeit einerseits und die allmähliche Entdeckung von Lebensfreude andererseits. Mit ihrer Mitbewohnerin und Freundin stellt Wolff ihr eine Figur zur Seite, die genau diesen Gegenpol verkörpert und dem Text Leichtigkeit wie auch Humor verleiht.
Die mythologische Dimension bleibt im Auftaktband noch vergleichsweise zurückhaltend, die eigentliche Begegnung mit der Götterwelt wird offenkundig in die folgenden Bände verlagert. Auch die romantischen Elemente treten zunächst nur dezent hervor. Stattdessen liegt der Akzent auf einer klassischen Coming-of-Age-Botschaft: zu sich selbst zu stehen, ohne sich gegenüber Veränderung zu verschließen.
Das Erzähltempo ist hoch, dramatische Zuspitzungen und humorvolle Momente wechseln sich in rascher Folge ab, sodass Längen kaum entstehen. Sprachlich orientiert sich der Roman klar an seiner Zielgruppe - er zugänglich, direkt und auf Unterhaltung fokussiert.
So erweist sich dieser erste Band als gelungener Auftakt einer Reihe, die das bewährte Internatssetting mit der griechischen Mythologie verbindet und dabei behutsam erweitert - ein Angebot insbesondere für jüngere Leserinnen und Leser, die sich zwischen Abenteuer, Humor und ersten großen Gefühlen verorten möchten.