Stefan Franke: Ein bisserl schimpfen, ein bisserl räsonieren (Buch)

Stefan Franke
Ein bisserl schimpfen, ein bisserl räsonieren
Ueberreuter, 2023, Hardcover, 160 Seiten, 22,00 EUR

Rezension von Christel Scheja

Der in Wien lebende und 1976 geborene Stefan Franke beschäftigt sich gerne mit historischen Zeitungen und präsentiert auch immer wieder Geschichten daraus in seiner Lesereihe „Die Zeitungslesung“. In diesem Buch hat es ihm vor allem die Leserbriefrubrik „Klaghansl“ aus der Wochenzeitung „Die Wiener Hausfrau“ angetan.


Ob es sich nun um rauchende Herren in der Tram handelt, ungezogene Kinder, die bei Besuchen in fremden Wohnungen herum toben oder sich auch sonst nicht zu benehmen wissen, den Unsitten was Nahrung und Hygiene betrifft, aber auch den Klagen über Dienstpersonal und Herrschaft: Männer wie Frauen fassen gerne einmal zusammen, was sie stört, schimpfen einerseits heftig auf Lärm zur Unzeit, die Überwachung durch Nachbarn oder unsittliches Benehmen, aber sie geben oftmals auch interessante Tipps und versuchen ihre Mitmenschen durch neue Ideen aufzurütteln.

 

Die Leserbriefe stammen aus den Jahren 1909 bis 1915 und spiegeln das damalige Selbstverständnis der Wiener wider, fernab von der großen Politik oder dem Weltgeschehen, denn es geht in der ersten Linie um alltägliche Dinge und vor allem das angemessene Miteinander. Dabei wird oftmals geschimpft; manchmal mit deutlichen Worten, dann wieder mit satirischem Augenzwinkern. Der erhobene Zeigefinger wird gelegentlich auch mit klugen Ratschlägen begleitet.

Was bei der Sammlung auffällt: Der Ton ist trotz aller Schärfe immer noch höflich und respektvoll, ausfallend wird hier niemand, so wie es heute in den sozialen Medien üblich ist. Selbst geschimpft wird in einem zurückhaltenden Tonfall. Und als moderner Leser staunt man, wieviel davon heute immer noch aktuell ist, man auch in seinem eigenen Umfeld wiederfindet, weil sich einige Menschen immer noch einen Dreck um Rücksicht und Benehmen scheren.

Natürlich spiegelt sich auch das damalige Selbstverständnis wider, gerade was Rollenklischees bei Männern und Frauen betrifft, auch wenn es da erste feine Vorstöße in Richtung Gleichberechtigung gibt. Und der Standesdünkel bricht immer dann durch, wenn die Herrschaft und die Dienstboten aufeinandertreffen.

Und natürlich sind einige Dinge aufgrund strengerer Hygiene-Bestimmungen heute nicht mehr so möglich - aber trotzdem aktuell, weil sie sich übertragen lassen.

Alles in allen überwiegt ein heiterer Unterton. Wenn die Wienerin oder der Wiener schimpfen und mit dem erhobenen Zeigefinger winken, dann tun sie es nicht mit barschen Worten und Beleidigungen sondern dem gewissen Schmäh, der ihnen so eigen ist; mal augenzwinkernd, dann auch wieder sarkastisch - aber nie beleidigend.

„Ein bisserl schimpfen, ein bisserl räsonieren“ bietet eine Sammlung von Leserbriefen zum alltäglichen Miteinander zwischen den Menschen. Auch wenn die Briefe nun über mehr als hundert Jahre alt sind, so wissen sie nicht nur zu unterhalten sondern stupsen die Leser auch immer wieder auf Dinge, die sich um Umgang und Verhalten der Leute bis heute nicht wirklich geändert haben.