Tracy Wolff: Crave (Buch)

Tracy Wolff
Crave
(Crave, 2020)
Übersetzung: Katarina Ganslandt
dtv, 2021, Hardcover 684 Seiten, 19,95 EUR (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Carsten Kuhr

Sie wuchs auf der Sonnenseite des Lebens auf. Die Rede ist von Grace, ein Surfer-Girl aus San Diego; ein Mädchen an der Grenze zur Erwachsenen, die jäh und unerwartet aus ihrem Idyll gerissen wird. Ausgerechnet nach einem unnötigen Streit, nach harten, herausgeschrieenen Worten, verunglücken ihre Eltern und lassen sie allein auf der Welt zurück.

Einen Onkel hat sie, passenderweise Leiter eines elitären Internats in den Weiten Alaskas. Ihre Cousine holt sie, die bislang Schnee nur aus dem TV kannte, mit einem Schneemobil am Flughafen im Nirgendwo ab, dann geht es in die Wildnis.

Abseits jeglicher Zivilisation taucht dann das Internat auf. Ein Bau, der sie an die Schlösser und Burgen Europas erinnert, bestückt mit Gargoylen und im Inneren Schüler, die sie alle ablehnen. Vehement ablehnen, mal abgesehen von ihrer Cousine und dem Bad Boy der Schule.

Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts bekommt sie eine Warnung mit auf den Weg. Niemanden, aber wirklich keinem zu trauen, sich immer eine Fluchtmöglichkeit suchen und offenhalten. Gleich in der ersten Nacht wollen zwei Mitschüler sie leichtbekleidet vor die Tür werfen - bei minus 20 Grad! Sie sollte die Warnung und den damit verbundenen Rat also besser beherzigen.

Nach und nach kommt sie dem Geheimnis des Internats auf die Spur - einem Internat für ganz besondere Schüler, versteht sich…


Nein, endlich einmal kein billiger Hogwarts-Abklatsch, da kann ich jeden, der das vermutet schon einmal beruhigen. Stattdessen erinnert die Ausgangssituation ein ganz klein wenig an - ja an was?

„Twilight“ hieß die Erfolgsserie im Englischen, bei uns vom Carlsen Verlag unter dem Signet „Biss“ vermarktet. Ja, es gibt Parallelen - Wolff nutzt Stereotype weidlich, baut immer wieder bekannte und bewährte Versatzstücke entsprechender Bücher in ihre Handlung ein.

Nun wäre dies ein Grund, den Auftakt einer Romantasy-Reihe in Grund und Boden zu stampfen, wenn sich das Ganze nicht wirklich rund und flüssig, unterhaltsam und spannend lesen würde.

Wir alle erkennen von Beginn an, wie sich der Plot vermutlich entwickeln wird, ordnen die Figuren schnell und unproblematisch einem Platz zu. Aber die Autorin hält ein paar Überraschungen bereit. Und sie wuchert mit etwas, das leider rar ist im Romantasy-Subgenre: Sie punktet mit Humor. Immer wieder lässt die Ich-Erzählerin sarkastisch-ironische Bemerkungen zumeist über sich selbst los, die eben weil sie so treffend sind, die Handlung auflockern und die Protagonistin sympathischer machen.

So ist dies ein Roman, der ebenso geschickt wie gekonnt mit Versatzstücken entsprechender Romane spielt, diese weidlich einsetzt - aber daraus ein vergnüglich zu lesendes Abenteuergarn mit Romantik-Faktor spinnt.