Astonishing X-Men 1 (Comic)

Charles Soule
Astonishing X-Men 1
(Astonishing X-Men (2017), 2017/2018)
Übersetzung: Jürgen Petz
Titelbild: Jim Cheung
Zeichnungen: Jim Cheung, Mike Del Mundo, Mike Deodato Jr. u.a.
Panini, 2018, Paperback, 148 Seiten, 16,99 EUR, ISBN 978-3-7416-0632-8

Rezension von Irene Salzmann

Psylocke wird urplötzlich geistig attackiert, und sie ist nicht die einzige Telepathin, der das widerfährt. Obgleich sie eine der mächtigsten Mutantinnen auf diesem Gebiet ist, gelingt es ihr nur mit Hilfe einiger Kameraden, die ihr Notsignal erhalten, sich aus der Gewalt ihres Feindes zu befreien. Allerdings rufen die Aktionen der X-Men die Sicherheitsbehörden Londons auf den Plan, die - natürlich - den Mutanten die Schuld an den Geschehnissen geben, welche über die Bürger hereinbrechen.

Psylocke schickt den Geist von Old Man Logan, Rogue, Gambit, Fantomex und Beast auf die Astralebene, wo sie gegen den Shadow King kämpfen müssen, der keineswegs tot sondern inzwischen so mächtig ist, dass er Telepathen in der Realwelt übernehmen kann, die sein Wesen wie ein Virus auf andere Mutanten und Menschen übertragen. Wird er nicht aufgehalten, übernimmt er die ganze Erde. Bei Psylocke bleiben allein Bishop und Angel zurück, um sie und die hilflosen Kameraden zu beschützen, sollten die Soldaten die Gruppe angreifen.

Auf der Astralebene werden die Mutanten von einer Falle in die nächste geschickt, und sie tun sich schwer, diese als solche zu erkennen, obwohl sie weitgehend Erfahrungen mit diesem Trug haben. Unerwartet erhalten sie jedoch Hilfe von jemandem, mit dem sie nicht gerechnet haben. Er und Shadow King spielen gegeneinander seit einer geraumen Weile, und diesmal geht es um das Schicksal der X-Men und der ganzen Welt. Aber können sie ihrem Helfer vertrauen? Ist er wirklich der, der zu sein er behauptet?

Jeder muss eine Entscheidung fällen, deren Ausgang ungewiss ist. Längst hat der Shadow King einige der Mutanten unter seine Kontrolle gebracht und die Schar der willenlosen Anhänger vermehrt. Das Militär ist bereit, die unschuldigen Zivilisten zu töten, um eine Ausbreitung des vermeintlichen Virus‘ zu unterbinden. Psylocke und - jetzt - Arcangel sind die einzigen, die das noch verhindern können, während sie hoffen, dass noch nicht alle ihrer Freunde verloren sind.


Wieder einmal gibt es einen Neustart, allerdings ohne dass diesmal das Marvel-Universum von Grund auf verändert wurde. Es waren eher die letzten Entscheidungen und Differenzen, die dazu führten, dass einige Gruppen sich aufgelöst beziehungsweise neu formiert haben. Im Fall der Astonishing X-Men trifft nicht einmal das zu, denn sie finden sich eher zufällig in London ein, weil sie auf Psylockes Ruf reagiert haben und gewillt sind, den Shadow King aufzuhalten, darunter auch jemand, mit dem keiner gerechnet hat.

Mit dem Shadow King wurde eine Figur aus den Anfangstagen der X-Men eingebunden - ähnlich gehen die Autoren der anderen „X“-Serien vor. Man kennt den Feind. Aber er ist mächtiger geworden, und ein neues Team muss sich zusammenraufen, um die Bedrohung abwehren zu können. Dabei ist sogar die Hilfe eines bisherigen Gegners zu akzeptieren, der seine Maske fallen lässt, weil er in diesem Fall am selben Strang zieht.

Obschon die X-Men wissen, worauf sie sich einlassen, ist diese Kenntnis nicht immer von Vorteil, sondern macht sie vorhersehbar. Darum erscheint ein Warner. Aber ist er echt? Ist er eine Falle des Shadow Kings? Verfolgt er eigene perfide Ziele? Keiner kann es wissen. Die jeweiligen Entscheidungen helfen oder behindern den Shadow King. Und immer bleibt die Ungewissheit, ob man das Richtige tat.

Parallel zu den Geschehnissen auf der Astralebene läuft die Handlung in der Realwelt, die nicht minder dramatisch ist. Das Mistrauen gegenüber den Mutanten erweist sich einmal mehr als ein großer Fehler, der die Lage kompliziert, doch die Schuld wird - wie üblich - nicht den Verursachern, sondern den Warnern und Rettern in die Schuhe geschoben.

Die Situation spitzt sich zu, und einer der Mutanten wird zum Zünglein an der Waage. Daraufhin gibt es eine riesige Überraschung, die jedoch viele Fragen offen lässt: Geschah dies freiwillig? Ist das real und kein Trick von Shadow King? Was wird aus…?

Mehr möchte man nicht verraten, um die Spannung zu erhalten.

Die Illustrationen sind nicht einheitlich, denn die einzelnen Zeichner haben durchaus ihren unverkennbaren Stil. So gefallen die ersten der sechs Episoden, die realistisch-idealistisch angelegt sind, besser als die mehr comichaften beziehungsweise ‚verwaschenen‘ restlichen Teile - aber Geschmäcker sind verschieden. Wie auch immer, als Leser wünscht man sich diesbezüglich eine gewisse Kontinuität, aber leider werden Serien grundsätzlich mit Top-Zeichnern gestartet, und dann geht es weiter mit Mittelmaß und Newcomern. Dass man Leser so nicht auf Dauer halten kann bei einem Überangebot an Titeln, liegt auf der Hand. Vielleicht darum die ständigen Relaunches? Neuer Start, neues Glück?

Man kann aus „Astonishing X-Men“ etwas machen, nicht aber nach einem Band mit sechs Episoden ein richtungweisendes Urteil fällen. Was für den Comic spricht, ist, dass er ein halbwegs abgeschlossenes Abenteuer beinhaltet, für das man wenig Vorkenntnis mitbringen muss. Allerdings wird auf der letzten Seite ein Cliffhanger geliefert, der Einfluss auf die anderen „X“-Serien haben muss. Man darf gespannt sein, was die Autoren daraus machen und ob der Verlag das durch Top-Illustratoren würdigt.