Interviews

Im Gespräch mit: Christina Henry

Christina Henry, geboren am 13. August 1974, hat die deutschsprachige Bücherwelt mit ihren bei Penhaligon erschienen Horror-Romanen erobert. Der Verlag hat sich mit den Büchern erkennbar große Mühe gegeben: die kleinoktaven Hardcover besitzen Spotlackierung, der Buchschnitt ist jeweils passend zum Text illustriert.
Christina Henry ist ein Pseudonym von Tina Raffaele, das auf ihrem Namen (Tina) und den Namen ihres Mannes (Chris) und ihres Sohnes (Henry) basiert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Chicago. Ihre bei uns noch unveröffentlichte Urban-Fantasy-Reihe „Black Wings“ sicherte ihr in den Staaten einen Platz auf den Bestellerlisten. Bekannt ist sie bei uns insbesondere für ihre Nacherzählungen klassischer Kinder-Märchen, wie die drei Werke der Reihe
Anlässlich ihrer Lesereise durch Deutschland diesen Monat hatte unser Mitarbeiter Carsten Kuhr die Gelegenheit, ein kurzes Gespräch mit der Beststeller-Autorin zu führen.

 

Willkommen zunächst einmal in Stuttgart. Lassen Sie uns chronologisch beginnen; Penhaligon, ihr hiesiger Verlag, hat sich mit Ihren Büchern große Mühe gegeben, die besondere Ausstattung hat das Interesse der Leserinnen und Leser geweckt, der Inhalt hat sie mit ihren Werken auf die „Spiegel“- Bestsellerliste geführt. Wie finden Sie die Bücher, waren die Verlagskollegen jenseits des Großen Teiches ebenso einfallsreich und waren Sie in die Entscheidung, was die Aufmachung anbelangt, involviert?

Hallo! Nein, die US-Ausgaben meiner Bücher weisen keine derartigen Merkmale auf; die britischen Ausgaben haben ähnliche Cover, aber die Verzierung auf dem Buchblock ist einzigartig. Insoweit bin ich natürlich von den wundervollen Titeln begeistert. Da ich vorab davon nichts wusste, war die Überraschung dann umso größer.

Wie kamen Sie denn darauf, Alice, das Mädchen hinter den Spiegeln, zu modernisieren?

Das war kein wirklicher Plan, ich hatte eine Idee über Alice, die ich dann fortentwickelte. Ich nutze die klassische Geschichte nur als Rahmen, in den ich dann meine eigene Geschichte einfüge und hoffe natürlich, dass die Leser dann auch meinen Plot annehmen, meine Story mögen. Ich nehme die urspüngliche Story quasi nur als Aufhänger, um dann meine eigenen Wege zu gehen und hoffe dann immer, dass die Leser mir auf diesen auch folgen.

Im Original folgte auf Alice dann ein Jahr später bereits die Fortsetzung; war das entsprechende Manuskript bereits fertig geschrieben, als sie „Die Schwarze Königin“ bei Ihrem Verlag einreichten?

Alice war meine achte Veröffentlichung, ich hatte vorher eine bis dahin siebenteilige Urban-Fantasy-Reihe geschrieben und hatte noch einen Verlagsvertrag für drei weitere Titel - als dann der Verlag auf mich zukam und meinte, dass sich Urban Fantasy nicht mehr so gut verkaufen würde und ich gerne einmal etwas Neues probieren könnte. Niemand wusste, was das nächste große Ding werden würde, so dass ich freie Hand hatte. Also kam Alice und im Hintergrund wusste ich ja, dass ich noch ein weiteres Manuskript einreichen sollte - insoweit war die Fortsetzung bereits im Kopf. Inzwischen ist Alice bei Weitem meine erfolgreichste Veröffentlichung, sowohl in den USA wie auch außerhalb.

Später vollendeten Sie die Alice-Reihe mit einem dritten Buch, in dem vier Novellen auf den Rezipienten warten. Waren das Geschichten, die sie extra für diese Veröffentlichung verfasst haben, oder erschienen die Erzählungen bereits vorher in Anthologien oder Ähnlichem?

Eigentlich war Alices Geschichte erzählt und ich hatte nicht die Absicht, da noch etwas hinzuzufügen. Dann kam mir die Idee für Alices Schwester - nur dass diese kein ganzes Buch tragen würde. So entschloss ich mich, das in einem kürzeren Text zu verarbeiten; weitere Ideen für Novellen folgten und schon gab es ein neues, ein drittes Alice-Buch. Insofern erschienen die vier Geschichten erstmals in eben diesem Buch.

Alice ist nun nicht unbedingt typisches Fantasy-Heldinnen-Material. Ein kleines Mädchen, zuerst voller Furcht, dann voller Mut - ist das etwas, das Ihnen wichtig ist, diese Entwicklung dem Leser aufzuzeigen, zu zeigen, wie aus einem traumatisierten Mädchen eine emanzipierte Frau wird?

Ja, das ist definitiv wichtig für mich - viele Frauen meinen, dass sie nicht zählen, dass sie nicht wichtig sind. Alice hat viel erdulden müssen, so dass ich zeigen wollte, wie sie angesichts dieser Erfahrungen, die sie ja auch erleiden musste, innerlich gereift ist, eine andere, eine starke Person wurde.

Lassen Sie uns zu Peter Pan wechseln - nur dass eben nicht der ewige Junge, den wir alle aus dem Disney-Film kennen im Zentrum steht, sondern der, den wir als Bösewicht hieraus kennen - Captain Hook. Warum übernahm Hook plötzlich und unerwartet die Hauptrolle, wie kamen Sie zu der Idee, dass Hook und Peter eine gemeinsame Vergangenheit, eine einstige Freundschaft verbindet?

Als mein Sohn fünf Jahre alt war, war er regelrecht besessen von Peter Pan. Dann fragte ich mich, warum ist dieser Erwachsene, immerhin ein Pirat, dermaßen besessen von einem Kind, warum versucht er immer wieder Peter Pan umzubringen? Nun, die Antwort ist einleuchtend: Man hasst jemanden nur dann so sehr, wenn man ihn vorher geliebt hat. Und dann hatte ich meine Geschichte - wie es eben zu diesem Bruch kam.

Die „Chroniken der Meerjungfrau“ kam bei uns als nächstes Buch heraus.

Ja, wobei dies nichts mit der kleinen Meerjungfrau zu tun hat. Die Idee kam von P. T. Barnum, der in seinem Museum eine Meerjungfrau ausstellte - natürlich ein Fake mit angenähter Flosse. Was aber wäre, wenn die Meerjungfrau echt wäre?

Als ich das Buch las, hatte ich den starken Eindruck, dass Sie hier eine deutlich feminine Message in Richtung Selbstbestimmung und Gleichberechtigung inkludiert haben. Stimmt dies?

Ja, das stimmt natürlich. Ich versuche diesen Aspekt in jedem meiner Bücher miteinfließen zu lassen. Ich sehe mich selbst durchaus als überzeugte feministische Autorin.

In „Die Chroniken von Rotkäppchen“ wechseln Sie einmal die Zeitschiene - von der Vergangenheit geht es in eine dystopische Zukunft -, wieder mit einer weiblich besetzten Hauptfigur, die in einer Welt ohne Gesetze, ohne Ordnung schauen muss, wie sie überlebt. Wie kamen Sie darauf?

Ich hatte eines Tages das Bild einer jungen Rothaarigen mit einer blutigen Axt im Kopf - ich wollte schlicht wissen, was macht sie da, wieso hat sie eine Axt in der Hand, wie sieht ihre Vergangenheit, wie ihre Zukunft aus? Ich schreibe immer von einer einzelnen Idee, einem Bild aus, will dann mehr wissen, bin neugierig darauf, wer diese Person ist, wie es ihr ergeht. Ich plane meine Bücher auch nicht, habe kein Exposé sondern lasse mich von der Handlung selbst gerne überraschen.

„Der Knochenwald“ ist etwas ganz Anderes. Es geht um Gewalt in der Familie gegen Frauen, um Unterdrückung dieser - harter Tobak. Ich gestehe freimütig, dass ich das Buch mittendrin erst einmal zur Seite legen musste, bevor ich es weitergelesen konnte - zu drastisch sind die Schilderungen dessen, was der Protagonistin widerfährt. Haben Sie diese Szenen auch geschrieben, um Ihre Leserinnen und Leser auf das Problem von Gewalt in der Ehe zu sensibilisieren?

Ich höre öfters, dass meine Leserinnen und Leser das Buch verstörend fanden, dass sie mit der Lektüre pausieren mussten, dass sie innerlich mit der geschundenen Frau gefühlt, ja mitgelitten haben. Wieder war Ausgangspunkt des Romans das Bild, wie unsere Erzählerin, die sehr altertümliche Kleidung trägt, den toten Fuchs in der Wildnis entdeckt. Damit war mein Interesse geweckt – wieso hatte sie die Kleidung an, was ist mit dem Fuchs und den Spuren dessen, der diesen getötet und liegengelassen hat? Dann hat mein Unterbewusstsein eingegriffen; Szenen, die man im Fernsehen gesehen hatte - die TV-Reihe „True Crimes“ thematisiert ja immer wieder reale Verbechen -, und dann ging es von da aus weiter. Mich interessierte dann, wer das größere Monster ist: der ältere Mann oder das übernatürliche Monster.

Kennen Sie Booktok, eine Plattform von TikTok? könnten Sie sich vorstellen, dort einen Account zu lancieren, um in Kontakt mit ihren Leserinnen und Lesern zu kommen?

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich und Video - das geht gar nicht. Ich poste auch nicht gerne Bilder von mit auf Instagram, setze da lieber mein schauriges Maskottchen ins Bild.

Haben Sie recht herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute und noch einen schönen Aufenthalt in Deutschland.