Anthony Ryan: Der Märtyrer (Buch)

Anthony Ryan
Der Märtyrer
Der stählerne Bund 2
(The Martyr, 2022)
Übersetzung: Sara Riffel
Hobbit Presse, 2024, Hardcover, 670 Seiten, 26,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Ich bin - ja, was bin ich eigentlich? Zu Beginn meiner Karriere, so man denn meinen Werdegang als solche bezeichnen mag, war ich ein Dieb, ein Gelegenheitsmörder, ein Aufschneider und Betrüger. Dann wurde es besser und gleichzeitig schlimmer. In den Minen lernte ich nicht nur das Schreiben, sondern auch das Denken. Aus mir wurde ein passabler Schreiber, später dann ein Verkünder von Sihldas Testament. Und ich wurde der Vertraute der Prophetin, ihr Hauptmann in ihrem Heer, der Kompanie des Bundes und ein Krieger - etwas, worauf ich nicht wirklich stolz bin!

An der Seite der wiederauferstandenen Prophetin, sandte der König uns mitsamt unseren Anhängern in eine unmögliche Mission aus: das schwer gerüstete Vasallenreich auf Linie zu bringen - und dabei möglichst das Zeitliche zu segnen. Ersteres gelang, zweiteres, sehr zum Unwillen des Herrschers und der Kleriker, nicht - denn, so unser Motto „Wir leben für die Heilige, wir kämpfen für die Heilige, wir sterben für die Heilige.“


Der zweite Teil setzt dort wieder an, wo „Der Paria“ geendet hat. Sprich, unser Ich-Erzähler berichtet uns weiterhin in seinen Memoiren aus dem, was ihm in seinem an Höhepunkten wahrlich nicht armen Leben nicht so alles widerfahren ist. Dass er der Gesegneten, der Märtyrerin folgt, die von ihrer gottgegebenen Wiederauferstehung überzeugt ist - nur unser Alwyn Scribe kennt die Wahrheit und verzweifelt so manches Mal fast an dieser; dass er sein Leben, sein Glück und seine Mission ihr untergeordnet hat, macht sein Dasein nicht leichter. Sein gebrochener Schädel malträtiert ihn, seine Ideen aber gehen ihm dadurch nicht aus. Als er dann mit seinem größten Feind zusammen jenseits der Grenze im Reich der Caerithern strandet, die so etwas wie Besitz nicht kennen, erlebt er einen nie gekannten Kulturschock. Ein Leben ohne Gier, ohne die Sucht nach Reichtum, Macht und Einfluss, beunruhigt ihn ungemein. Doch er kehrt zurück, an die Seite der Gesegneten, gilt es doch weiterhin, im Machtdreieck von Bund, Kleriker und König die eigene Position zu vertreten.

Nach seiner Reise durch ein kriegsgebeuteltes Land voller Gewalt, in dem Religion und Rebellion zu gnadenlosem Blutvergießen führen, sieht er allüberall Ungerechtigkeit, Not und Verzweiflung. Er, der der Märtyrerin als Freund, nicht als Gläubiger folgt, ist und war immer ein Zweifler. Mit seiner zynischen Einstellung, aber auch seinem Mut, stellt er sich den Gefahren, reift dabei und leidet gleichzeitig darunter, der Gesegneten nicht die Wahrheit über ihre Wiederauferstehung sagen zu können.

Diese Ambivalenz, der Zwiespalt zwischen primitivem Verbrecher, intelligentem Schreiber, egoistischem Schlitzohr und treuem Freund, prägt den Roman. In diesem passiert eigentlich wenig wirklich Bedeutendes - so hat es zumindest den Anschein. Ja, unser Erzähler und seine Begleiter werden in Kämpfe verwickelt, müssen immer wieder ihr Fell zu Markte tragen. Auffällig dabei, dass obwohl die Schlachtenbeschreibungen derer viele sind, diese aber nie wirklich den Plot dominieren.

Ryan und mit diesem die Leserinnen und Leser interessieren sich mehr dafür, was die Kämpfe, die Morde und der Verrat aus den Menschen macht, wie diese traumatisiert werden, sich innerlich verändern. Dabei nutzt der Verfasser die Chance, die ihm sein subjektiv berichtender Ich-Erzähler offenbart dazu, uns die Geschichte ganz bewusst durch dessen nicht immer objektiven Blickwinkel zu berichten. Wir erleben seine Gefühle hautnah mit, er macht seine Haltung zu Gegnern und Verbündeten nur zu deutlich. Diese Emotionen verleihen der Handlung eine Direktheit, eine Intimität, die selten ist. Liebe, Zuneigung, aber auch Hass und Vorurteile prägen seine Sichtweise, über die wir seine Welt sehr detailreich kennenlernen.

So ist „Der Märtyrer“ eine würdige Fortsetzung des begeisternden Auftakts. Erneut zeigt der Roman uns einen Autor, der sehr bewusst jedes Wort setzt, der seine Figuren und deren Welt minutiös, aber unauffällig immer weiter fortentwickelt, dabei packend und spannend unterhält, Wer allerdings den ersten Teil, „Der Paria“, nicht gelesen hat, der sollte sich zunächst diesem widmen - das Lesevergnügen wird nur umso größer!