Im Gespräch mit: Michael Böhnhardt

Michael Böhnhardt ist der Kopf hinter der „Doctor Nikola“-Neuausgabe im Wurdack Verlag. Einst, zu seiner Zeit, ein gefeierter Bestsellerautor, ist Guy Newell Boothby heute fast vergessen. Unser Mitarbeiter Carsten Kuhr sprach mit dem Herausgeber, Übersetzer und Autor.

Als vor ein paar Jahren Ernst Wurdack in seinem Verlag den ersten Band der „Doctor Nikola“-Romane aus der Feder des australischen Schriftstellers Guy Newell Boothby herausgab, kam die Edition für mich zumindest sehr überraschend. Statt moderner SF oder dem gepflegten Horror, gar nicht zu reden von seinen Anthologien, wurde dem Leser hier ein vergessener Autor präsentiert, der einst gefeierte wurde, dessen Werk aber nur teilweise, zu Beginn der 20. Jahrhunderts, ihren Weg in deutsche Buchhandlungen fand. Warst Du der Initiator der neuen Herausgabe, wie bist Du selbst zu Boothby gekommen?

Ich bin vor einigen Jahren über einen Artikel von Michael Koltan über die Doctor-Nikola-Romane gestolpert. Damals betrieb ich ein eigenes Internet-Projekt (Groschenstory.de, nicht mehr online) und der umtriebige Doctor schien mir der richtige Stoff dafür zu sein. Also habe ich begonnen, die Romane in Fortsetzungen zu veröffentlichen, was ganz passend ist, da sie zu Boothbys Lebzeiten ja genau so zuerst erschienen sind: als Fortsetzungsromane in Magazinen. Ich hatte gerade den zweiten Band abgeschlossen, als dann durch Umzug und Arbeitsstellenwechsel einfach keine Zeit mehr für den guten Doctor übrig war. Ich hatte ihn sogar fast vergessen. Aber das Internet vergisst nicht so leicht. Ernst ist auf meine Übersetzung gestoßen, hat sich von mir das Manuskript zusenden lassen und machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte: Er wollte die Doctor-Nikola-Romane als Sammleredition neu herausbringen. Also habe ich meine Übersetzung der ersten beiden Romane noch einmal gründlich überarbeitet und die beiden letzten Romane in Angriff genommen.

Was ist Deines Erachtens das Besondere an den Büchern?

Ich finde die Figur des Doctor Nikola überaus interessant. Mit seinen hypnotischen Fähigkeiten, seinen Strategien aus dem Hintergrund, seinen ehrgeizigen Plänen und nicht zuletzt mit seiner Katze ist er das Vorbild für all die Superschurken, an die wir uns heute besser erinnern: Dr. Fu Manchu, Dr. Mabuse oder Blofeld. Vor allem hat mich auch erstaunt, wie durchaus positiv die Figur durch Boothby dargestellt wird. Die aufrechten Helden sehen im Vergleich zu ihm ziemlich blass aus.

Wie würdest Du die Bücher kategorisieren? Sind es eher Krimis, Thriller oder doch phantastische Romane?

Für Thriller sind sie alle dann doch ein wenig zu beschaulich. Band 1 ist ein Krimi, wenn auch mit exotischen Schauplätzen. Band 2 ist ein waschechter Abenteuerroman. Der dritte Band ist ein typischer Schauerroman: gotteslästerliche Experimente auf einem verfallenden Schloss. Beim letzten Band versucht Boothby es mit psychologischem Gespür: schön morbider Grusel in Venedig.

Nun ist damals neben den neu aufgelegten vier Romanen auch noch ein weiterer Roman erschienen, in dem Nikola, wenn auch nur am Rande, auftaucht. Warum habt ihr den nicht aufgelegt?

Doctor Nikola spielt hier wirklich nur eine Nebenrolle. Und das Wenige, das er beiträgt, passt nicht in den Zyklus. Dieser geht ja so: Nikola sucht ein geheimnisvolles Stäbchen, mit diesem verschafft er sich Zugang zu einem geheimen Kloster in Tibet, um an das Geheimnis des ewigen Lebens zu kommen, mit dem ergaunerten Wissen führt er Experimente à la Frankenstein durch und im letzten Band erfolgt Einsicht und das Begleichen letzter Rechnungen. „The Lust of Hate“ ist völlig anders. Hier hat Nikola plötzlich Welteroberungspläne, testet Giftgas. Wofür, bleibt im Dunkeln. Nichts von dem, was in den vorigen Bänden geschah, wird aufgegriffen, und später wird nichts von diesem Band wieder verwendet. Und als Abenteuerroman als Abstecher vom eigentlichen Zyklus finde ich ihn ein wenig schwach.

Auf Deiner Internetseite, die sich dezidiert mit Boothby und Nikola beschäftigt, können die Fans und Leser auch die damaligen, meines Erachtens sehr stimmigen Innenillustrationen der Romane besichtigen. Warum wurden diese nicht der Ausgabe im Wurdack Verlag beigegeben?

Ehrlich gesagt haben Ernst und ich nie darüber gesprochen. Ich habe die Illustrationen als Scans im Internet gefunden. Wie aufwändig es ist, diese als Original in einer Qualität aufzutreiben, die einen guten Druck ermöglicht, wage ich nicht abzuschätzen. Was das dann kosten müsste, ebensowenig. Manche Illustrationen wurden mir auch erst zugeschickt, nachdem das Buch erschien.

Wie bist Du bei der Übersetzung vorgegangen? Hast Du Dir die alten englischen Ausgaben besorgt, hast Du die Texte inhaltlich auf logische Brüche hin untersucht, ein wenig geglättet und modernisiert, oder bist Du ganz dem damaligen Original gefolgt?

Genau genommen habe ich mir Scans der alten englischen Ausgaben besorgt und immer wieder mit verschiedenen anderen gemeinfreien elektronischen Ausgaben abgeglichen. Inhaltliche logische Brüche habe ich tatsächlich verbessert. Boothby hat seine Texte in Wachs-Zylinder-Phonographen diktiert, abschreiben lassen; dass er sie noch mal korrigiert hat, bevor er sie an seine Verleger geschickt hat, wage ich zu bezweifeln. Der gröbste Fehler war gleich im ersten Band, wo er sich von einem Absatz zum nächsten nicht merken konnte, ob sein Protagonist seine Eltern nun als Kleinkind oder mit fünfzehn Jahren verloren hat. Das musste ich einfach reparieren. Ab und zu habe ich unnötige Wiederholungen gekürzt. Ansonsten bin ich dem Original gefolgt. Bei der Sprache habe ich versucht, eine möglichst gute Balance zwischen angenehm lesbar und nostalgisch altmodisch hinzubekommen.

Nun war die Edition offensichtlich so erfolgreich, dass ihr euch an eine Fortsetzung gewagt habt. Du als intimer Kenner der Materie und Übersetzer der Romane hast Dich als Verfasser an eine Weiterführung gemacht. Wann kam die Idee hierzu auf, wie habt ihr euch eine Fortsetzung inhaltlich vorgestellt? Versuchst Du, den bisherigen Bänden stilistisch und atmosphärisch möglichst nahe zu bleiben?

Ernst hatte bei mir nachgefragt, ob wir der Vollständigkeit halber nicht doch noch „The Lust of Hate“ bringen sollen. Aus den oben genannten Gründen stieß er dabei bei mir nicht auf helle Begeisterung. Also habe ich geantwortet, klar kann ich den Band noch übersetzen, ich hätte aber auch eine Idee für eine Fortsetzung, und nachdem ich ihm das Konzept zugesandt hatte, wollte er lieber die Fortsetzung haben. Vom letzten Boothby-Band her war eine Fortführung möglich: Doctor Nikola verschwindet nach Tibet. Was, wenn er dort wirklich sein Ziel, die Unsterblichkeit, erreicht hat? Womit würde ein Mensch die Ewigkeit, die ihm jetzt zur Verfügung steht, füllen? Stilistisch sind wir Boothbys Konzept, Nikola durch die Augen eines Ich-Erzählers zu betrachten, treu geblieben. Aber gerade dadurch ist auch eine andere Art zu erzählen möglich geworden. Mein Ich-Erzähler ist halt ein ganz anderer Mensch als zum Beispiel Richard Hatteras, der Protagonist aus zwei von Boothys Romanen.

Wie kamst Du auf den Plot? Um was geht es, in welche Region wird uns das Werk entführen? Kannst Du uns hier ein wenig den Mund wässrig machen?

Die Grundidee tauchte irgendwie sofort in meinem Kopf auf: Zwanzig Jahre sind vergangen, Nikolas große Liebe hat ihren Herzog geheiratet, die beiden haben eine Tochter, die todsterbenskrank ist. Von einem Abenteurer erfahren sie, dass er auf einen Mann getroffen ist, in dem sie Doctor Nikola wiederzuerkennen glauben. Und wenn Nikola etwas kann, dann ist es, Todkranke zu heilen. Außerdem ist er offensichtlich zwanzig Jahre lang keinen Tag älter geworden. Also brechen sie mit einem Zeppelin auf, um den Verschollenen zu finden. Jetzt musste ich nur noch eine Region finden, in der um 1920 etwas Interessantes los war, und stieß dabei auf Ferdinand Ossendowskis Reisebericht „Von Tieren, Menschen und Göttern“ aus dem Jahre 1922. Darin erzählt er, wie er während des russischen Bürgerkrieges vor den Bolschewiki aus Sibirien floh und wie es ihn dabei in die Mongolei verschlug. Dort trifft er auf Toshegoun Lama, einen seinerzeit berühmten Lama-Krieger, der über hypnotische Fähigkeiten verfügte. Viele der Geschichten, die sich um ihn ranken, passen haargenau zu dem Doctor Nikola, den Boothby beschrieben hat. Ossendowski behandelt noch eine weitere, historisch verbürgte Gestalt: Baron Roman Nikolai Maximilian von Ungern-Sternberg, einen weißen Kosakenführer, der mit seinen Männern in die Mongolei ritt, deren Oberhaupt, den Bogdo Khan, aus dem chinesischen Gefängnis befreite und sich selbst als Reinkarnation des Dschingis Khan auf den Thron setzte. Das war genau der passende historische Hintergrund, den ich für meine Geschichte brauchte.

Wird es nach diesem jetzt für Mitte des Jahres angekündigten Roman weitere Bände geben?

Das liegt vor allem daran, wie gut der Roman beim Publikum ankommt. Wir haben eine grobe Storyline, an der sich weitere Romane entlang hangeln könnten, und für zwei Romane habe ich auch schon mehr als nur eine vage Idee im Kopf. Mir hat diese Mischung aus Historie, Mystik und Phantastik sehr viel Spaß gemacht und ich hätte nichts dagegen, die Reihe fortzusetzen.

Wie lange sitzt Du nun schon an dem Buch? Du machst das ja nicht hauptberuflich, sondern als zeitintensives Hobby. Was sagt Deine Familie dazu?

An dem Buch habe ich etwa 15 Monate gearbeitet. Ich arbeite als Berater und bin deshalb viel unterwegs. Ich versuche, viel Schreibzeit im Hotel oder auf Zugfahrten einzuplanen, wenn ich also sowieso nicht zu Hause bin. Es gelingt mir eigentlich ganz gut, jede Woche so fünf bis acht Stunden freizuschaufeln. Wenn ich dann Dinge wie Recherchieren und Korrekturlesen im Wohnzimmer oder auf der Terrasse erledige und mich nicht dazu auf dem Dachboden verkrieche, bekomme ich auch keinen Ärger mit meiner Frau.

Vielen Dank, dass Du Dir für unsere Leser Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir alles Gute!

War mir ein Vergnügen. Die guten Wünsche gebe ich gern zurück.