Richard Swan: Grave Empire (Buch)

Richard Swan
Grave Empire
Die letzte Prophezeiung 1
(Grave Empire - The Great Silence 1, 2025)
Übersetzung: Simon Weinert
Piper, 2026, Paperback, 656 Seiten, 20,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Willkommen zurück in Sova. Seit jener Zeit, als Junker Konrad Vonvalt, gefürchtetes Mitglied des unbestechlichen Richterordens, mit seinen magischen Fähigkeiten über Recht und Gesetz in den Provinzen wie in der Hauptstadt wachte, sind fünfhundert Jahre vergangen.

Das Reich wird inzwischen von allen Seiten bedrängt. Die kriegerischen Auseinandersetzungen drohen angesichts weiter Nachschubwege und schwindender Fähigkeiten, verloren zu gehen. Provinzen stehen vor der Abspaltung, Macht und Reichtum des Imperiums geraten zusehends ins Wanken.

Die nekromantischen Fähigkeiten der Richter wurden längst verboten. Nur einige der Naturvölker jenseits der Reichsgrenzen halten noch Zwiesprache mit dem Land der Toten.

Als im hohen Norden eine tödliche Seuche ausbricht, ist guter Rat teuer. Zumal sich zwei Mönche auf den Weg in die Hauptstadt machen, um der Kaiserin eine Warnung zu überbringen - auch wenn sie dies das eigene Leben kosten könnte. Der Orden, so ihre Botschaft, hat den Kontakt zu den Geistern des Jenseits verloren. Die Welt der Toten bleibe stumm und leer. Nach der alten Prophezeiung Zabriels kündigt dies nichts Geringeres als das Ende aller Tage an.

Die unerfahrene Diplomatin Renata Rainer wird ausgesandt, um Kontakt mit dem Meeresvolk aufzunehmen. Vielleicht wissen dessen Angehörige mehr über die drohende Katastrophe - vielleicht können sie sogar helfen. Unglücklicherweise hat die Marine des Reiches das Meeresvolk und seine Verbündeten, Haie ebenso wie Wale, über Jahrzehnte gnadenlos gejagt. Keine ideale Voraussetzung, wenn man nun um Unterstützung bitten muss.

Zur gleichen Zeit wird der Soldat Peter in den hohen Norden versetzt. Dort begegnet er Katzenmenschen, die nicht nur seine Kameraden verspeisen, sondern mithilfe dunkler Magie deren leere Hüllen von fremden Geistern besetzen lassen. Ein Schicksal, das auch ihm droht, nachdem er gefangengenommen und verschleppt wurde.

Graf von Oldenburg wiederum hat sich der verbotenen Nekromantie verschrieben. Als die Seuche seine Provinz heimsucht, beginnt er mit den Opfern zu experimentieren - bis er einen Weg findet, sie zu willenlosen Kreaturen unter seinem Befehl zu machen. Sein Plan ist einfach: Er will mit einem Heer von Untoten das Reich retten.


Was war das doch für eine wunderbare Trilogie, die Richard Swan und der Piper Verlag in den vergangenen Jahren vorgelegt haben. Mit seiner Geschichte um den Richterorden, das Reich von Sova und die Macht der Nekromantie zog Swan zahllose Leserinnen und Leser in seinen Bann. Die Reihe vereinte die düstere Gritty der Dark Fantasy mit der epischen Breite klassischer High Fantasy und bot nahezu alles, was das Genre attraktiv macht.

In der bei uns bislang nicht erschienenen Novelle „The Scour“ kehrte Swan noch einmal zu Richter Vonvalt und dessen Ermittlungen zurück. Nun folgt mit vorliegendem Roman eine Art Fortsetzung - allerdings unter deutlich veränderten Vorzeichen.

Fünf Jahrhunderte sind vergangen, die bekannten Figuren Geschichte. Stattdessen rücken neue Protagonisten in den Mittelpunkt, und Vieles von dem, was den Reiz der ursprünglichen Trilogie ausmachte, ist nur noch als Echo präsent. Swan entscheidet sich bewusst gegen nostalgische Wiederholung und eröffnet stattdessen ein neues Kapitel seiner Welt.

Moralisch unangreifbar ist keine der zentralen Figuren. Alle werden von inneren Zwängen, Ängsten oder Sehnsüchten getrieben. Geltungsdrang, Unsicherheit, Verzweiflung und Feigheit prägen ihre Entscheidungen, doch immer wieder blitzen Mut und Opferbereitschaft auf. Gerade diese Widersprüchlichkeit verleiht den Charakteren Glaubwürdigkeit und Tiefe.

Dennoch vermochte mich die Handlung diesmal nicht in gleichem Maße zu fesseln wie „Die Chroniken von Sova“.

Besonders gelungen erscheint die Darstellung der verschiedenen Mischvölker. Deutlich stärker als im ersten Zyklus widmet sich Swan ihren Kulturen, Lebensweisen und Weltbildern. Er macht nachvollziehbar, wie sehr Herkunft und Umwelt die Überzeugungen und Handlungen dieser Völker prägen.

Gleichzeitig wirkt Vieles überhastet und überfrachtet. Swan türmt Rätsel auf Rätsel, Geheimnis auf Mysterium, ohne im Verlauf dieses ersten Bandes nennenswerte Antworten zu liefern. Was Spannung erzeugen soll, schlägt mitunter in Frustration um. Hinzu kommen die ständigen Perspektivwechsel nach oft sehr kurzen Kapiteln, die das Aufkommen eines echten Leseflusses erschweren.

So hinterlässt die Lektüre einen ambivalenten Eindruck. Swan eröffnet eine faszinierende neue Bühne und bevölkert sie mit Figuren, zu denen ich jedoch nur schwer Zugang fand. Die Fülle der angedeuteten Geheimnisse wirkt stellenweise eher belastend als interessant. Da der zweite Band im englischen Original bereits erschienen ist, bleibt abzuwarten, ob die Reihe ihre zahlreichen Versprechen künftig einlösen kann. Das Potenzial dazu besitzt sie zweifellos.