Daedalos - Der Story-Reader für Phantastik 18 (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Samstag, 30. Mai 2026 11:57

Daedalos - Der Story-Reader für Phantastik 18
Titelbild: Louis Le Bretona
Edition Dunkelgestirn, 2026, Hardcover, 144 Seiten, 10,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
„Daedalos“ hat eine neue Heimat gefunden. Nach dem Reboot bei p.Machinery haben die Herausgeber in der Edition Dunkelgestirn von Eric Hantsch einen neuen Hort gefunden.
Vieles blieb beim Alten, Manches wurde jedoch verändert.
Beginnen wir mit den Neuerungen: Der frühere Zweispaltensatz gehört der Vergangenheit an. Zudem wurde die Ausgabe von Paperback zu Hardcover mit Leseband aufgewertet.
Beginnen wir mit den Neuerungen: Der frühere Zweispaltensatz gehört der Vergangenheit an. Zudem wurde die Ausgabe von Paperback zu Hardcover mit Leseband aufgewertet.
Unverändert geblieben sind die Herausgeber, die Praxis, jede Geschichte mit einer oder mehreren passenden Illustrationen zu versehen, sowie die literarische Qualität der enthaltenen Erzählungen. Dabei scheuen sich die Autorinnen und Autoren auch nicht, schwierige, ernste und unter die Haut gehende Themen anzusprechen.
Mir persönlich ging als Elternteil insbesondere eine Geschichte nahe, in der ein kleiner Junge stirbt. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres, als hilflos miterleben zu müssen, wie das eigene Kind leidet und schließlich stirbt. Der Autor fängt dies sehr einfühlsam ein und porträtiert zugleich glaubwürdig die verstörten Reaktionen der Gleichaltrigen.
Doch was erwartet die Interessierten darüberhinaus?
Den Auftakt macht Peter Schünemann, der in „Feuerprobe“ erneut seine Motive rund um Schloss Weyterstedt aus der vorherigen Ausgabe aufgreift und logisch wie überraschend weiterentwickelt. Damit dürfte der kleine Zyklus zu einem befriedigenden Abschluss gekommen sein.
Uwe Durst berichtet uns in „Die Wespe“ von der etwas anderen Wahrnehmung eines Kindes auf das Liebesleben seiner alleinerziehenden Mutter - schließlich hat der Junge im Biologie-Unterricht gelernt, wie Wespen sich fortpflanzen.
Eine Erzählung, die früh erkennen lässt, worauf sie hinauswill, dabei aber vor allem durch die glaubwürdige Zeichnung des Jungen überzeugt.
Dennis Staats ermöglicht uns in „Dissonanz“ einen sehr intimen Einblick in das Erleben eines von Angst und Verlust geplagten Menschen.
Eine Geschichte, die mit ihrem Twist am Ende punktet, vor allem aber die Gefühle von Angst, Einsamkeit und Schuld überzeugend vermittelt.
Philipp Nowotny entführt uns in „In der Schildkrötenwelt“ in ein - zumindest auf den ersten Blick - paradiesisches Szenario. Lange Sandstrände, blaues Meer, eine vom Himmel strahlende Sonne und zahllose Schildkröten, die ihre menschlichen Jünger gegen entsprechenden Obolus an ihrer Weisheit teilhaben lassen. Ein Mann sucht und findet hier Hilfe - oder doch nicht?
Der Beitrag punktet weniger durch Tempo oder große Emotionen, sondern vielmehr durch seine subtile Entwicklung und die gelungene Überraschung am Ende.
Andreas Fiebig widmet sich in „Hand in Hand“ bedauernswerten Menschen, die durch Geburt, Unfall oder Verbrechen eine Hand oder ein Bein verloren haben. Ein neues Medikament verspricht Linderung - eine Arznei, die wirkt, aber…
Auch diese Geschichte kommt ohne große Schock-Momente aus. Stattdessen betrachtet der Autor seine Figuren genau, zeichnet sie glaubwürdig und liefert einen überraschenden Schluss.
Ellen Norten stellt uns in „Meine Freundin ist verrückt“ eine Frau vor, die ihre Umwelt massiv belastet. Selbst ihre beste Freundin verliert langsam die Geduld - doch wie wird man jemanden los, ohne ihn zu verletzen?
Die Autorin greift ein Motiv auf, das wohl jeder aus eigener Erfahrung kennt: jene aufdringliche Bekanntschaft, die sich festsetzt und der man kaum entkommt.
Gabriele Behrend zeigt uns in „Die Erweckung durch P.R.A.Y“, was KI inzwischen alles leisten kann - selbst die Läuterung von Sündern scheint möglich.
Aktuell, spannend und originell: Diese Begriffe beschreiben den Beitrag treffend. Behrend greift eines der großen Themen unserer Zeit auf, variiert es gekonnt und verbindet gesellschaftliche Relevanz mit pointierter Unterhaltung.
Joachim Pack präsentiert uns in „Omnibus“ einen Wartebereich, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft auf ihre letzte, große Reise warten - obwohl sie es damit eigentlich gar nicht eilig haben sollten.
Ein Beitrag, der insbesondere durch seine Pointe und die gelungene Figurenzeichnung überzeugt.
Andrea Tillmanns zeigt in „Variationen der Zeit“ exemplarisch, wie Hektik und permanenter Stress dazu führen, dass Menschen versuchen, Zeit einzusparen - nur um festzustellen, dass die Zeit sie dennoch immer wieder einholt.
Auf ungewöhnliche Weise setzt sich Tillmanns mit einem zentralen Problem moderner westlicher Gesellschaften auseinander: dem Gefühl, niemals genug Zeit zu haben. Ein origineller Ansatz, überzeugend umgesetzt.
Michael J. Awe liefert mit „Lieber Gott Böse“ jene eindrucksvolle Geschichte, die ich eingangs erwähnte. Das Verstörende daran: Nach seinem traumatischen Tod bleibt der Schulfreund nicht lange tot...
In Regina Holzkämpers „Ich kann warten“ begegnen wir einem alten Bekannten - denn selbst mit dem Tod lassen sich Geschäfte machen, sofern man den Mut dazu besitzt.
Fast wirkt die Geschichte stellenweise humorvoll, doch das Lächeln vergeht rasch, sobald man erkennt, welchen Preis das Gerippe fordert.
Uwe Appelbe stellt uns in „Die Nacht ist still, da hört man weit“ ein Alien vor, das auf ein Zeichen wartet, sowie eine junge Frau im Rollstuhl. Sie möchte ihr Leben so lange wie möglich selbst bestimmen - er wiederum ist fasziniert von der Spezies Mensch.
Die Handlung entwickelt sich überraschend, besonders überzeugend ist jedoch die Andersartigkeit der beiden Erzählerfiguren.
Mit „Der Gorilla“ von Leonhard Stein endet der Band schließlich klassisch und zugleich verstörend. Ein Mann nähert sich einem gefeierten Star auf ungewöhnliche Weise: Er schlüpft in die Haut ihres Haustiers, eines Gorillas. Problematisch wird es allerdings, als das Animalische zunehmend Besitz von ihm ergreift.
Wie man sieht, wird hier erneut für einen sensationell niedrigen Preis viel geboten. Sämtliche Beiträge überzeugen handwerklich und laden gleichermaßen zum entspannten Schmökern wie zum gelegentlichen genussvollen Verweilen ein. Ein gelungener Neustart unter dem neuen „Giebelschatten“-Dach.