Michael Siefener: Cor Magis (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Mittwoch, 29. April 2026 10:59

Michael Siefener
Cor Magis
Titelbild und Innenillustrationen: Jörg Kleudgen
Edition Dunkelgestirn, 2026, Hardcover, 222 Seiten, 28,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Eric Hantsch lässt pünktlich zum MarburgCon wieder von sich hören: In seiner Edition Dunkelgestirn erscheint, in gewohnt gediegener Ausstattung - strukturierter Leineneinband mit Goldprägung, Lesebändchen, farbige Innenillustrationen -, ein neues Buch von Michael Siefener.
Die auf 125 Exemplare limitierte, nummerierte und signierte Ausgabe überzeugt bereits äußerlich. Neben dem Farbcover von Jörg Kleudgen findet sich ein kurzer Anhang, in dem der Künstler schildert, wie er - als jemand, der unter einer ausgeprägten Rot-Grün-Schwäche leidet - mithilfe von KI seine Schwarzweiß-Vorlagen zu farbigen Illustrationen veredelte. Hier wird die sonst oft verteufelte KI einmal dazu genutzt, den kreativen Schöpfungsprozess eines Künstlers zu ergänzen. Ein Beispiel, das - mich zumindest - sowohl in der eingefangenen Stimmung als auch in der farblichen Umsetzung überzeugt.
Zum Kurzroman, respektive zur längeren Novelle Michael Siefeners. Der Verfasser, zu Recht als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Stimmen der Phantastik bezeichnet, legt einen Text vor, der durchaus starke autobiographische Bezüge erkennen lässt.
Wir begegnen Amon Ruf, einen Mann Anfang sechzig, der an einer Bushaltestelle einen Herzinfarkt erlitten hat. In die ihm fremd gebliebene Großstadt Berlin zog er einst nur wegen Anna, seiner großen - und einzigen - Liebe. Er arbeitete im öffentlichen Dienst, befindet sich inzwischen im Vorruhestand und schrieb nebenher phantastische Texte. Seine Agentur verließ er, als man von ihm verlangte, mehr dem Zeitgeist entsprechende romantische Elemente in seine Geschichten einfließen zu lassen. Anna hat ihn verlassen; seither ist sein Leben noch trister, einsamer und depressiver geworden.
Als er im Krankenhaus zu sich kommt, ahnt er nicht, welches Martyrium ihn erwartet. Noch am Abend wird ein Zimmernachbar hereingeschoben, um den sich Pfleger wie Ärzte bald hektisch und intensiv kümmern. Am nächsten Morgen ist Amon wieder allein.
Nach der Entlassung geht es unmittelbar in eine Rehaklinik. Das abgelegene Sanatorium erweist sich als Ort der Heimsuchung, des Quälens, der Hoffnungslosigkeit und sich vertiefender Einsamkeit.
Nur die Frau an seinem Tisch, wiederum eine Anna, die ihn an seine frühere Liebe erinnert, bildet einen kleinen Lichtblick. Dann taucht plötzlich sein ehemaliger Zimmernachbar aus der Klinik als Mitbewohner seines neuen Zimmers wieder auf - doch der Mann scheint immer mehr zu verblassen; auf den irrgartenähnlichen Gängen des Hauses begegnet Amon ihm nie. Ist er überhaupt da?
Spätestens als auch die neue Bekannte verschwindet, ahnt er, dass etwas faul ist im Staate Dänemark. Wo ist er? Wer ist er? Was ist mit ihm geschehen? Lebt er überhaupt noch?
Dann, nach etwa einem Drittel des Textes, eine Zäsur. Aus vagen Andeutungen wird Gewissheit; - Amon ist nur die Imagination eines Autors, der mittels seiner Erzählung das eigene Schicksal zu verarbeiten sucht. Die Übereinstimmungen sind frappierend: ein Autor Anfang sechzig, von einer Anna verlassen, von Köln nach Berlin gezogen, Herzinfarkt. Das Bild wird deutlich. Doch nun beginnen die unheimlichen Heimsuchungen auch in der Welt des Verfassers der Amon-Geschichte.
Graffiti, die Tore in andere Welten aufstoßen könnten, Spuren einer Anna, die es nicht gibt - oder doch? Phantasie, Wahn und Realität vermischen sich zunehmend. Was ist real, was Imagination? Und wie finden diese beiden - oder gar drei - Autoren einen Ausweg aus einer scheinbar aussichtslosen Situation?
Michael Siefener stellt sich und uns in dieser Novelle Fragen, die bedeutsam und tiefgründig sind und mit zunehmendem Alter an Gewicht gewinnen.
Zunächst begegnen uns ein, vielleicht zwei Protagonisten, die aus der Zeit, ja aus der Wirklichkeit gefallen scheinen. Das moderne, hektische Leben, die Sucht nach schnellem Konsum und Erfolg - gern auf Kosten anderer - bleiben ihnen fremd. Sie suchen eigentlich nur Harmonie, ein wenig Erfüllung durch den kreativen Schaffensprozess, vielleicht sogar Anerkennung dafür. Der Verlust ihrer Arbeit hat sie bereits erschüttert; dass sie dann auch noch die Liebe ihres Lebens verlässt, macht die existentielle Verlorenheit vollkommen. Wozu ist man überhaupt noch da? Was lässt sich Sinnvolles mit der verbleibenden Zeit anfangen? Für wen ist man noch wichtig? Fragen, die Amon wie seinen Schöpfer heimsuchen.
Als wäre dies nicht genug, trifft beide ein weiterer Schicksalsschlag. Der Körper versagt! Bis dahin fußt der Plot ganz in einer tristen, deprimierenden Realität, die ich - in einem ähnlichen Alterssegment wie Erzähler und Autor - durchaus nachvollziehen kann.
Dann driftet die Handlung ins Surreale. Das Sanatorium, ein Ort, an dem Menschen eigentlich gesund werden sollten, entpuppt sich als Stätte der Bedrohung. Amon, später auch sein Verfasser, verliert zunehmend Selbstvertrauen, Mut und Zuversicht. Er irrt im wahrsten Sinne des Wortes ziellos durch die Gänge, fühlt sich angegriffen, ausgeschlossen, abgelehnt. Die Behandlungen erscheinen als Martyrium, ja als Folter; Heilung für Körper wie Geist scheint weder beabsichtigt noch erreichbar.
Hier gelingt es Siefener geradezu mustergültig, Vereinsamung, Realitätsverlust und Verzweiflung erfahrbar zu machen. Zugleich verschieben sich Realität und Imagination immer weiter ineinander. Was ist wirklich, was Einbildung, was Heimsuchung, was Leben? Dieses Changieren steigert sich zunehmend. Der Autor schreibt Amon ein wenig Glück ins Leben, in der Hoffnung, es könne auf ihn selbst zurückwirken. Als dies misslingt, wird auch für Amon alles wieder schwieriger.
Deutlich spürbar ist die Abneigung gegen Berlin, ebenso die Sehnsucht nach der alten Heimat Köln - vielleicht gerade, weil der Verfasser hier Traumatisches erlebt und nie ganz verarbeitet hat. Immer drängender stellt sich die Frage, was Pseudo-Realität und was Imagination ist und ob eine Lösung überhaupt denkbar bleibt.
Siefener fordert seine Leserinnen und Leser, sich selbst zu positionieren; er kaut keine Auflösung vor. Insofern ist dies kein einfaches, sondern ein anspruchsvolles Buch. Eines, das mich dazu angeregt hat, über die beschriebenen Situationen nachzugrübeln, Parallelen zum eigenen Leben zu suchen - und mich ein Stück weit in Amon und den Seinen wiederzufinden.