Sam Hughes: Wir haben keine Antimemetik-Abteilung (Buch)
- Details
- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Freitag, 27. Februar 2026 16:12

Sam Hughes
Wir haben keine Antimemetik-Abteilung
(Antimemetics Division, 2025)
Übersetzung: Urban Hofstetter
Heyne, 2025, Hardcover, 318 Seiten, 20,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
„Was wäre, wenn…?“ ist eine Frage, die die Menschheit beschäftigt, seit der erste Primat begann, Intelligenz zu entwickeln. Was wäre, wenn es da draußen anderes, intelligentes Leben gäbe? Was wäre, wenn es auf der Erde einst Hochzivilisationen gegeben hätte? Was wäre, wenn das, was wir wahrnehmen, nur einen Bruchteil einer viel größeren Vielfalt auf unserem Heimatplaneten darstellte?
Doch all diese durchaus vorstellbaren Fragen reichen nicht weit genug - sonst gäbe es keine Antimemetik-Abteilung. Denn zwischen Himmel und Erde existiert weit mehr, als wir wahrnehmen können oder wollen. Dinge, Ideen, Konzepte von solcher Größe und Fremdheit, dass sie dem menschlichen Begreifen grundsätzlich entzogen bleiben. Vergessene Kriege gegen andere Wesenheiten. Niederlagen, an die sich niemand erinnern kann.
Da ist etwa ein mehrere Kilometer hoher schwarzer Basaltmonolith, übersät mit Gravuren, den Menschen schlicht ausblenden, sobald sie ihn sehen. Oder Wesen, deren bewusste Wahrnehmung unweigerlich zum sofortigen, schmerzhaften Tod des Beobachters führt.
Für all das - sogenannte Antimemes - gibt es eine Abteilung. Ihre viel zu wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind chronisch überlastet, massiv unterbezahlt und im Grunde schon geschlagen, bevor sie überhaupt zu handeln beginnen. Keine guten Voraussetzungen für einen drohenden Krieg, von dem kaum jemand überhaupt mitbekommt, dass er droht - und der nicht nur könnte, sondern die Menschheit auslöschen wird…
Was ist das für ein merkwürdiges, aufwühlendes, einzigartiges Buch, das uns Sam Hughes und der Heyne Verlag hier vorlegen?
Ein Roman, der sich konsequent jeder Erwartung an Plot und Dramaturgie entzieht. Ein Text, der - lange bevor er als Buch erschien - bereits acht Millionen Mal im Netz gelesen wurde. Ein Werk, dessen Struktur sich der klassischen Erzählanlage verweigert und das gerade deshalb Zeit braucht, bis man sich in ihm orientiert.
Gleichzeitig ist es aber auch eine Geschichte, die gerade wegen ihrer Andersartigkeit fasziniert. Weil es keinen klassischen Antagonisten gibt. Weil das Böse - sofern es existiert - sich der Erinnerung entzieht oder bei bewusster Wahrnehmung unmittelbar Wahnsinn und Tod bedeutet.
Wo bleibt der große Gegner, wenn sich die Erinnerung an ihn selbst auslöscht?
Ganze Abteilungen existieren, ohne dass sich irgendjemand an sie erinnert - im schlimmsten Fall nicht einmal die Menschen, die dort arbeiten.
Immer wieder konfrontiert uns Hughes mit neuen Heimsuchungen: ein auf den ersten Blick chaotisches, verwirrendes Spiel aus Ideen und Szenen, ein Plot, der seine innere Logik erst allmählich offenbart. Uns fehlen - wie den erzählenden Figuren - zentrale Informationen. Gerade das steigert jedoch die Intensität der Lektüre.
Ein ums andere Mal wirft uns der Autor in neue Situationen, die sich wie Teile eines Puzzles langsam zu einem beklemmenden Gesamtbild fügen. Das macht das Lesen anspruchsvoll, gelegentlich anstrengend - letztlich aber gerade deshalb so fesselnd.
Unterschwellig verhandelt der Roman dabei tiefgehende philosophische Fragen. Wie sehr bestimmt Erinnerung unsere Identität? Was geschieht mit unserer Psyche, wenn wir unserem Gedächtnis nicht mehr trauen können? Und was bedeutet es, wenn Wissen selbst zur Gefahr für Leib und Seele wird?
„Es gibt keine Antimemetik-Abteilung“ ist ein besonderes, anspruchsvolles und verstörend interessantes Buch - eines, auf das man sich einlassen muss. Wer dazu bereit ist, wird mit einer der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Erfahrungen der letzten Jahre belohnt.