Michael Scott Der unsterbliche Alchemyst - Die Geheimnisse des Nicholas Flamel 1 (Buch)

Michael Scott
Der unsterbliche Alchemyst
Die Geheimnisse des Nicholas Flamel 1
(The Alchemyst, 2008)
Übersetzung: Ursula Höfker
Titelbild: Michael Wagner
cbj, 2026, Hardcover, 414 Seiten, 15,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Mit „Der unsterbliche Alchemyst“, dem Auftakt zur Reihe „Die Geheimnisse des unsterblichen Nicholas Flamel“, eröffnet der irische Autor Michael Scott ein modernes Fantasy-Epos, das historische Mythen, Alchemie und Urban Fantasy miteinander verschränkt.


Die 15jährigen Zwillinge Sophie und Josh verbringen ihre Sommerferien bei der Großmutter in San Francisco, während ihre Eltern als erfolgreiche Archäologen Ausgrabungen in Utah leiten. Sophie jobbt in einem Café, Josh arbeitet in einem kleinen Antiquariat auf der gegenüberliegenden Straßenseite - ein scheinbar alltägliches Setting, das sich jedoch schlagartig verändert.

Eines Tages hält eine Luxuslimousine vor dem Laden. Ein kleiner, vornehm gekleideter Mann steigt mit mehreren Begleitern aus, die trotz sommerlicher Hitze Hüte und Handschuhe tragen. Ein beißender Geruch nach faulen Eiern liegt in der Luft. Als Josh aus dem Keller kommt, platzt er mitten in einen Kampf zwischen seinem Chef Nick Fleming und dem Besucher Dr. John Dee. Spätestens als riesenhafte Golems eingreifen, ist klar: Magie ist keine Legende.

John Dee gelingt es, Flemings Frau Perenelle zu entführen und das seit Jahrhunderten bewachte Buch Abrahams zu stehlen. Nur diesem Codex verdanken Nicholas Flamel - der legendäre Alchemist des 14. Jahrhunderts - und seiner Frau ihre Unsterblichkeit. In dem unscheinbaren Buch finden sich nicht nur die Geheimnisse des Steins der Weisen, sondern auch uralte Zauber, mit denen einst die Älteren und ihre monströsen Geschöpfe besiegt wurden. Ohne den Codex bleiben Flamel und Perenelle nur noch wenige Wochen, bevor sie ihrem wahren Alter erliegen.

Doch der persönliche Verlust ist nur ein Teil der Bedrohung. Eine weitaus größere Gefahr lauert im Hintergrund. Mitglieder der alten Rasse planen nach Äonen der Verbannung ihre Rückkehr und die erneute Unterwerfung der Menschheit. Laut den Prophezeiungen in Adams Almanach hängt das Schicksal der Welt von einem Zwillingspaar ab - doch zuerst müssen Sophies und Joshs magische Kräfte geweckt werden.

Angeführt von altägyptischen Gottheiten, hinter deren Masken sich die Älteren verbergen, kommt es zum ersten Aufeinandertreffen der verfeindeten Mächte - und der Kampf um die Zukunft der Erde beginnt.


Ausgelegt ist die Saga auf sechs Bände, und bereits der Auftakt macht deutlich, dass uns hier Großes erwartet. Schon die hochwertige Hardcover-Neuausgabe mit alchemistischen Symbolen und Prägungen signalisiert, dass der Verlag dem Werk besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Zunächst überrascht die zeitgenössische Verortung der Handlung. Alchemie verbindet man unwillkürlich mit den Laboren des 14. Jahrhunderts, und auch der historische John Dee - Berater Elisabeths I., Spion und Okkultist - verweist klar in die Vergangenheit. Umso überzeugender ist es, wie rasch der Autor den Leser mit seinem Plot einfängt. Der Einstieg ist ein wahrer Paukenschlag. Golems als Limousinen-Chauffeure und Bodyguards, Atlantis, ägyptische Götter, Excalibur, Wer-Eber, Vampire und die Älteren - keine radikal neuen Motive, aber eine Mischung, die erstaunlich gut funktioniert.

Mit hohem Tempo und zahlreichen Wendungen entfaltet sich eine sehr bildhafte Geschichte. Angesichts der Vielzahl schillernder Figuren - Bastet, Hekate, John Dee, Nicholas Flamel - haben es die beiden Teenager anfangs schwer, wirklich im Mittelpunkt zu stehen. Sie wirken zunächst orientierungslos und überfordert, was jedoch überzeugend zur beschriebenen Situation passt. Dieses Gefühl des Unwirklichen arbeitet der Autor glaubhaft heraus; später treten Rivalität und Neid zwischen den Zwillingen stärker hervor. Der Leser findet mühelos Zugang zu ihren Emotionen und kann ihr inneres Chaos gut nachvollziehen.

Ein kleiner Kritikpunkt bleibt die recht klare Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren: Hier Flamel, bereit, sich selbst für die Menschheit zu opfern, dort John Dee als eindeutig böser Handlanger der dunklen Mächte. Etwas mehr Ambivalenz hätte der Geschichte zusätzliche Tiefe verliehen.

Insgesamt jedoch ist „Der unsterbliche Alchemyst“ hochspannendes, kurzweiliges Lesefutter, das sich in einem Zug verschlingen lässt - und unweigerlich Lust auf die folgenden Bände macht.