Algernon Blackwood: Hände des Todes (Buch)

Algernon Blackwood
Hände des Todes
Übersetzung: Achim Hildebrand
Titelbild: Björn Ian Craig
2025, Paperback, 398 Seiten, 15,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Mit dem vorliegenden Sammelband setzen Michael Schmidt und Achim Hildebrand ihre verdienstvolle editorische Arbeit an den Erzählungen von Algernon Blackwood konsequent fort. Nach „Aileen“ (2018) und “Traumpfade“ (2024) liegt nun ein weiterer Band vor, der eindrucksvoll belegt, warum Blackwood zu den zentralen Stimmen der klassischen englischen Schauer- und Übernatürlicher-Literatur zählt - und warum er im deutschsprachigen Raum noch immer neu zu entdecken ist.

Wie schon bei den Vorgängerbänden, beschränken sich Herausgeber und Übersetzer nicht auf bekannte Texte, sondern legen den Fokus bewusst auf bislang unübersetzte oder schwer zugängliche Erzählungen. Besonders positiv fällt dabei ins Gewicht, dass selbst vorhandene KI-Übersetzungen nicht einfach übernommen, sondern kritisch geprüft und für diese Ausgabe neu, sensibel und literarisch überzeugend von Menschen übertragen wurden. Diese editorische Sorgfalt hebt den Band wohltuend von bloßen Zusammenstellungen ab.

Blackwoods erzählerische Welt ist dabei unverkennbar: Im Zentrum stehen häufig kultivierte, wohlhabende Männer des Bildungsbürgertums, fest verankert in gesellschaftlichen Konventionen, die durch eine unheimliche Erfahrung aus ihrem sicheren Weltbild gerissen werden. Das Übernatürliche tritt bei Blackwood selten als reiner Schock-Effekt auf, vielmehr fungiert es als Katalysator existenzieller Fragen. Schuld, Sühne, Tod, Wiedergeburt, Naturmystik und eine oft melancholische Sehnsucht nach Sinn durchziehen die Erzählungen wie ein leiser, aber beständiger Strom.

Die 22 hier versammelten Geschichten zeigen die ganze thematische und atmosphärische Bandbreite des Autors. Von folkloristisch gefärbten Miniaturen über psychologische Studien bis hin zu philosophisch grundierten Novellen.

Auffällig ist die große Zurückhaltung gegenüber explizitem Horror. Blut, Gewalt oder drastische Effekte interessieren Blackwood kaum. Stattdessen setzt er auf Atmosphäre, Suggestion und eine oft schmerzlich schöne Melancholie.

Das Grauen entsteht im Kopf der Lesenden, nicht in den grellen Farben des Textes. Gerade hierin liegt die nachhaltige Wirkung vieler Geschichten, die lange nach der Lektüre nachhallen.

Der Band selbst ist sorgfältig ausgestattet und wird durch das erneut äußerst stimmige Cover von Björn Ian Craig visuell überzeugend gerahmt. Insgesamt handelt es sich um eine Sammlung, die sowohl Kennern als auch Neueinsteigern viel zu bieten hat: als repräsentativer Querschnitt durch Blackwoods Werk ebenso wie als eindrucksvolles Plädoyer für eine Form des Unheimlichen, die leise, philosophisch und zutiefst menschlich ist.

Wer grellen Horror sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch literarisch anspruchsvolle, atmosphärisch dichte und gedanklich anregende Erzählungen schätzt, findet in diesem Band einen der überzeugendsten Zugänge zu einem der bedeutendsten Autoren der unheimlichen Literatur.


Worum geht es in den 22 Erzählungen im Einzelnen?

„Hände des Todes“ (1935) entführt uns in die Pampa Boliviens. Ein Eisenbahnarbeiter verliebt sich in eine Indianerin. Nach der Hochzeit verletzt er sich schwer - und erkennt erst dann, welche Aufgabe seine Frau für die Indios übernimmt.

„Die Sammlung des Kobolds“ (1912) berichtet auf amüsante Weise von der Faszination, die Glänzendes auf einen irischen Kobold ausübt - da verschwinden schon einmal Nagelscheren oder ein Manschettenknopf, nur um am nächsten Tag wieder aufzutauchen…

„Kains Sühne“ (1917) stellt uns zwei Freunde vor, die in einem früheren Leben Zwillinge waren. Nun rettet der eine auf den Feldern der Ehre des Ersten Weltkriegs dem anderen selbstlos das Leben - hat er doch ein altes Unrecht wieder gutzumachen.

„Hellseherei“ (1912) beschäftigt sich auf ganz eigene Weise mit dem Motiv des von Geistern heimgesuchten Zimmers. Ein für derartige Erscheinungen empfindsamer Gentleman stößt auf furchtsame, zurückhaltende Geister, denen er…

„Revenge“ (1935) führt uns auf den Spuren eines Mörders in die Alpen. Aus Habgier ermordet ein Mann seinen jungen Neffen - seine Sühne kommt spät - zu spät?

„Eine ungewöhnliche Botschaft“ stellt uns einen Vikar vor, der beim Anblick seiner Bettstatt in einem Berggasthof ein ungutes Gefühl bekommt. Dann klopft es an der Tür - ein Unbekannter fordert ihn auf, ihm sofort zu folgen. Vor was - und von wem - wird er hier gewarnt?

„Carltons Fahrt“ (1910): Ein Lebemann, der sich ganz dem Spiel und der Trunkenheit hingibt, nimmt eine Kutsche, die ihn nach Hause bringen soll. Doch statt nach Hause geht es für den Insassen in Richtung eines dunklen Abgrunds. Wird er seinem drohenden Schicksal entkommen?

„Der kleine Bettler“ (1919): Ein Mann mittleren Alters trifft auf dem Weg zum Bahnhof einen Jungen, der sich mit einer zu schweren Reisetasche abmüht. Er bietet seine Hilfe an, begleitet ihn bis zum Schalter - nur um dann zu bemerken, dass der Sohn, den er nie hatte, nicht real ist…

„Eine ägyptische Hornisse“ (1915): Ägypten, ein kleingeistiger amerikanischer Pfarrer und eine ägyptische Hornisse bilden die Bestandteile der nächsten Erzählung. Eine Geschichte, die zwei höchst unterschiedliche Männer porträtiert, die einander achten und ablehnen - und die zugleich die Abgründe menschlicher Einbildung, Selbstüberschätzung und des Hasses offenlegt.

„Mein ist die Rache“ (1921): Rouen 1918. Die Deutschen stehen kurz davor, Amiens zu erobern, als ein für das Rote Kreuz tätiger Engländer vor dem täglichen Leid in die Natur flieht. Dort trifft er auf Frauen, die die alten Götter mittels Opfergaben dazu bewegen wollen, das bislang stets den Gegner begünstigende Wetter zugunsten der Alliierten zu wenden…

„Der Mann, der auf dem Blatt spielte“(1910): In den Schweizer Alpen trifft der Erzähler auf einen offensichtlich geistig behinderten Mann, der den Göttern der Natur auf einem Blatt wunderbare Oden vorspielt - oder haben der Mann und sein Hund etwa einen anderen Zugang zu jenen Naturgöttern, die der Mensch längst vergessen hat?

„Hass auf den ersten Blick“ (1920): Gibt es so etwas - Hass auf den ersten Blick? Die vorliegende Geschichte handelt von zwei Briten, die, sobald sie einander ansichtig werden, im gegenseitigen Hass vereint sind. Zufällig treffen sie sich bei einem Jagdausflug in Kanada. Nur einer kehrt zurück.

„Das Gebet“ (1914): Zwei Studenten versuchen, über die Einnahme einer bewusstseinserweiternden Substanz Gedanken sichtbar zu machen. Als sie am Nachbartisch einen Gauner erblicken, um dessen Kopf eine goldene Welle schwirrt, versuchen sie, deren Ursprung zu ergründen…

„Das seltsame Verschwinden eines Baronets“ (1914): Was wird aus einem aufgeblasenen britischen Adeligen, wenn er Titel, Güter und Einfluss verliert? Die Antwort muss Sir Timothy am eigenen Leib erfahren.

„Ruf aus dem Jenseits“ (1921): Zwei enge Freunde, eine verstorbene Liebe, eine Kupplerin und ein abgelegener Landsitz - aus diesen Ingredienzen baut Blackwood seine nächste Novelle. Weil seine einzige große Liebe von ihm gegangen ist, zögert ein Gentleman, einer Bekannten einen Antrag zu machen. Stattdessen wartet ein Wiedersehen auf den Zurückgebliebenen…

„Gewalt“ (1913): In dieser Story begegnet uns eine gemarterte Seele auf der Suche nach Ruhe und Frieden. Der Heimgesuchte meint, diese endlich im Körper eines Arztes zu finden - nur um dann…

„Das Opfer“ (1914): Ein Mann, dem das Schicksal übel mitgespielt hat und der den Glauben verloren hat, findet ein wenig Ruhe in den majestätischen Bergen. Zwei Fremde bitten ihn, sie als Führer auf einen der großen Gipfel zu begleiten. Was hinter dem Ansinnen steckt, entpuppt sich als Ritual, das ihn wieder in Einklang mit den Göttern bringen soll.

„Der Mann, der rückwärts lebte“ (1935) beschäftigt sich mit der Frage, was man seinem jüngeren Ich raten würde, wenn dies möglich wäre. Ein Wissenschaftler begegnet nämlich sich selbst in jungen Jahren und überlegt, ob er eine sein Leben maßgeblich beeinflussende Entscheidung revidieren sollte.

„Feuerzungen“ (1924) erzählt von einer Frau und einem Mann, die - obgleich kein Paar - dieselbe Neigung teilen: sich über Andere verbal auszulassen. Bis sie mit ihrer üblen Nachrede ein Opfer erwischen, das zurückschlägt.

„Ein Stückchen Holz“ (1917) zeigt exemplarisch, dass auch kleine Dinge große Wirkung entfalten können. Zwei Schicksale werden von einem Holzrest bestimmt: eine Hochzeit und ein Trauerfall hängen an einem Stück hölzernen Abfalls.

„Der Ring des Colonels“ (1935) stellt uns einen jungen Mann vor, der aus Amerika nach London zurückkehrt. Dort wird er am Silvesterabend von seinem Onkel zum Essen geladen - ein Diner, das sich um seine Zeit als Reporter und um seine Begegnungen mit zum Tode Verurteilten dreht - bis…

„Chinesische Magie“ (1920) beschäftigt sich mit einem Heiler Mitte 40, der ganz in seiner Profession aufgeht. Ablenkungen durch das zarte Geschlecht oder Familiengründung interessieren ihn nicht. Als ein alter Freund, der zehn Jahre in China gelebt und geforscht hat, zurückkehrt, bittet er ihn um Rat in einer für ihn ungewohnten Herzensangelegenheit - nur um dort einen Beweis chinesischer Magie zu finden, der jede Konsultation überflüssig macht…


So ist auch dies wieder ein Sammelband, der uns einen der wichtigsten englischen Verfasser der unheimlichen Literatur näherbringt. Die Geschichten sind weit entfernt vom heute üblichen grellen Horror. Blackwood nähert sich seinen Themen einfühlsam und konzentriert sich auf merkwürdige, unerklärliche Begebenheiten und deren Auswirkungen auf seine Figuren. Das Unheimliche dient ihm meist als Einstieg in philosophisch angehauchte Fragen nach der Endlichkeit des Seins, nach Göttern oder nach der Schönheit der Natur.