Anthony Ryan: Flut aus schwarzem Stahl (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Freitag, 13. Februar 2026 07:48

Anthony Ryan
Flut aus schwarzem Stahl
Zeit des Zorns 1
(A Tide of Black Steel, 2024)
Übersetzung: Sara Riffel
Hobbit Presse, 2026, Hardcover, 640 Seiten, 26,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
„So ist das Wesen der Sehnsucht… Sie muss keinen Sinn ergeben und plagt einen trotzdem jeden Tag.“ (Seite 89)
Anthony Ryan, bekannt durch seine Dark- und Gritty-High-Fantasy-Trilogien (dt. alle bei der Hobbit Presse erschienen), legt mit diesem Roman den Auftakt zu einer neuen Reihe vor. Dieses Mal nutzt er ein Wikinger-Setting als Bühne seines Plots.
Das Leben der Menschen auf den kargen nordischen Inseln ist geprägt von Härte, Not und Kampf. Man hat sich arrangiert, alles geht seinen gewohnten Gang, als ein bislang unbekannter Feind von jenseits der Feuerinseln auftaucht: Dörfer werden überfallen, Bewohner gnadenlos niedergemetzelt, einzelne Menschen verschleppt - zurück bleiben nur verbrannte Ruinen und Leichen.
Im Königreich der Schwesterköniginnen ringt man um eine gemeinsame Linie im Kampf gegen den neuen Feind, muss sich jedoch zugleich mit internen Animositäten, finsteren Plänen und Verrat auseinandersetzen.
Wir begleiten vier Menschen bei ihrem Versuch, zunächst zu überleben und später im Auftrag der Schwesterköniginnen die neue Gefahr zu erforschen, den Angriffen zu widerstehen, ihnen entgegenzutreten und letztlich eine Möglichkeit für eine erfolgreiche Verteidigung zu finden.
Thera ist eine Vellihir, eine Richterin, die durch das Reich reist, um Fehden zu schlichten oder Erben für Adelstitel zu bestimmen. Nach einer schwierigen Mission sieht sie sich unerwartet mit einer neuen und äußerst seltsamen Aufgabe konfrontiert.
Ruhlin ist einer der legendären Vyrn Skyra - ein Feuerblut, wie man die Gestaltwandler aus den alten Sagas nennt.
Felnir Rotzahn jagt nach einer Gelegenheit, seinen schlechten Ruf abzulegen und den Lauf seines Lebens von Schande zu Ruhm zu wenden. Gemeinsam mit seinem kampfeslustigen Bruder, seinem Lebenspartner und seiner treuen Crew folgt er dem Mythos einer verschollenen Heimstatt, die Wirklichkeit geworden ist, um sich in den Augen der Schwesterköniginnen zu rehabilitieren.
Die Gelehrte Elvine schließlich, deren Treue zu ihrem verpönten, verbotenen Glauben sie und ihre Mutter aus ihrem sicheren Zuhause vertrieben hat, wird in ein Abenteuer gestürzt, als die Schwesterköniginnen sie auf eine Mission schicken, um in die Schatten der alten Vergangenheit zu blicken und die Schätze einer Religion zu bergen, an die sie selbst nicht glaubt.
Ich muss zugeben, dass mich das Wikinger-Setting - ob im Roman oder auf dem Bildschirm - bislang nie sonderlich in seinen Bann gezogen hat.
Dass der Verlag die siebenteilige Novellensammlung um die Sieben Schwerter von Ryan nicht auf Deutsch veröffentlichen wird, ist höchst bedauerlich, bot diese doch beste High Fantasy in der Nachfolge Elrics. Stattdessen liegt nun einmal mehr der Auftakt zu einer Trilogie vor.
Auffällig war für mich bei der Lektüre, dass Ryan mit gleich vier Handlungssträngen jongliert, die zunächst kaum oder gar nicht miteinander verbunden sind. Jedes dieser Porträts ist für sich genommen interessant, doch fordert der häufige Perspektivwechsel den Lesenden Einiges ab. Bis etwa zur Hälfte des umfangreichen Romans faszinierten mich die einzelnen Schicksale zwar, der Lesefluss wurde jedoch immer wieder durch den Wechsel der Erzählperspektive jäh unterbrochen. Das soll ausdrücklich nicht heißen, dass die Figuren per se nicht interessant wären, ganz im Gegenteil. Ihre Schicksale, ihre Entwicklungen und die sich langsam offenbarende Historie bergen große Faszination. Ihre tiefe Verwurzelung in der eigenen Kultur, die sich in Kampfgeist und Freiheitsdrang widerspiegelt, hat mich beeindruckt. Dabei fehlen auch die leisen Töne nicht. Unsicherheit, Angst und Verzweiflung der Protagonisten werden nicht ausgespart.
Peu à peu zeichnet sich dann eine neue, zugleich uralte Bedrohung von jenseits der Feuerinseln ab, und die zentralen Handlungsträger im bevorstehenden Kampf gegen die Aggressoren kristallisieren sich heraus. Nach und nach wird auch das Gesamtbild runder, werden Hintergründe und Ereignisse aus der Vergangenheit, die zur aktuellen Situation geführt haben, offengelegt. Hinzu kommt das, was Ryans Romane seit jeher auszeichnet: seine Gabe, ebenso realistische wie mitreißende Kampfbeschreibungen zu Papier zu bringen.
Natürlich lässt es sich der Autor nicht nehmen, zum Finale eine höchst unerwartete Wendung in Form eines Cliffhangers einzubauen.
Es erwartet uns Lesende einmal mehr ein wuchtiger Roman um Verrat, Tod und Schlachten - ein Buch, das auf einem sich langsam offenbarenden Fundament aus glaubhafter Historie, Mythen und Religion fußt.