Matt Diniman: Dungeon Crawler Carl (Buch)

Matt Diniman
Dungeon Crawler Carl
(Dungeon Crawler Carl, 2024)
Übersetzung: Ruggero Léo
Tor, 2026, Paperback, 510 Seiten, 18,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Carl hatte eigentlich alles. Freundin, Mietshaus in Seattle, eine prämierte Zuchtkatze - das kleine, zufriedene Leben auf der Sonnenseite des American Dreams. Dann betrügt ihn seine Freundin, die Katze springt um zwei Uhr morgens aus dem Fenster, und Carl rennt ihr hinterher, hinaus in einen selbst für die Nordwestküste grotesken Wintereinbruch.

Wenn Sie dieses Bild jetzt vor Augen haben, genießen Sie es kurz - und vergessen Sie es dann sofort. Denn das war erst der harmlose Prolog.

Im nächsten Moment machen außerirdische Invasoren sämtliche Gebäude der Erde platt. Wer sich in Häusern, Garagen oder Autos befunden hat, ist fort. Alle, die in der freien Natur waren, bekommen eine letzte Chance: den Abstieg in ein Dungeon. Dort dürfen - oder besser müssen - die Überlebenden an einer intergalaktisch übertragenen Reality-Show teilnehmen, deren Titel lauten könnte „Keiner wird überleben“.

Was folgt, ist eine gnadenlose Mischung aus Gameshow, Survival-Horror und LitRPG. Tödliche Fallen, Goblins, säurespuckende Lamas, rivalisierende Kandidaten warten auf unsere Überlebenden. Alle paar Stunden kollabiert eine Dungeon-Ebene. Wer nicht genug Erfahrungspunkte sammelt oder den Abgang nach unten verpasst, wird eliminiert - buchstäblich.

Und dann wäre da noch Carls Katze. Die wurde von den Aliens „optimiert“, nennt sich nun „Prinzessin Donut“, spricht, denkt (was sie laut eigener Aussage ohnehin schon immer konnte) und kommandiert Carl mit aristokratischer Selbstverständlichkeit durch das Verlies.

Gemeinsam müssen die beiden auffallen, Zuschauer begeistern, Follower sammeln - und irgendwie überleben.


LitRPG-Romane sind im deutschsprachigen Raum bislang ein Nischen-Genre. Einzelne Ausflüge großer Verlage - etwa Dmitry Rus’ „Play to Live“ bei Heyne oder Richard Schwartz’ „Eisraben-Chroniken“ bei Piper - blieben eher Randerscheinungen. Mit dem Auftakt dieser bislang achtteiligen Reihe wagt Tor nun einen neuen Anlauf.

Der entscheidende Unterschied: statt Fantasy-Mittelalter gibt es hier eine von technologisch überlegenen Aliens konstruierte Unterhaltungsarena. Inhaltlich erinnert das weniger an klassische Rollenspiele als an Reality-TV-Formate vom Schlage „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ (Dschungelcamp) - nur mit deutlich höherer Mortalitätsrate.

Das liest sich überraschend flott. Carls lakonischer, selbstironischer Erzählton trägt den Roman mühelos über Längen, das Tempo bleibt hoch, die Gags sitzen. Vertraute Genre-Bausteine werden nicht neu erfunden, aber clever variiert und mit genügend Witz präsentiert, um durchgehend zu unterhalten.

Tiefe oder literarische Ambitionen sollte man nicht erwarten. Wer jedoch kurzweilige, pointiert erzählte Unterhaltung sucht und Freude an der absurd-humorvollen Demontage von Gameshows, Social-Media-Logik und Helden-Mythen hat, ist hier genau richtig.