J. C. Vogt: Anarchie Deco (Buch)

J. C. Vogt
Anarchie Deco
Tor, 2021, Paperback, 476 Seiten, 16,99 EUR (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Carsten Kuhr

Willkommen im Berlin der 20er Jahre. Es grüßt eine Metropole, immerhin die viertgrößte Stadt der Welt, in der die Liebe zum Leben gefeiert wird, in der aber auch geforscht wird, wie in keiner andere Stadt der Welt.

Während die gutbürgerlichen Spießer des Abends in den Vergnügungsvierteln der Stadt die Varietés besuchen, sich fragen, was sich hinter den perfekt geschminkten Fassaden der Damen und Herren vielleicht wirklich verbirgt, schuften sich die Armen aus den Hinterhäusern zu Tode.

Im Reichstag geht gerade wieder einmal eine der vielen wechselnden Koalitionen den Bach hinunter, als die junge Physikerin Nike Wehner wissenschaftliche Koryphäen zu einem Versuch an der Friedrich-Wilhelm-Universität empfängt.

Sie weiß, dass sie als Tochter einer Ägypterin und eines Deutschen, mehr noch als Frau im Bereich der Physik nur diese eine Chance hat, die Nobelpreisträger, allen voran Bohr und Heisenberg, der sie ein klein wenig protegiert, von ihrer Idee zu überzeugen. Eine Idee, die ebenso revolutionär wie unbegreiflich scheint: Die Synthese aus dem Zusammenwirken eines Mannes und einer Frau, aus Physik und Kunst schafft etwas bis dato nicht Dagewesenes, etwas Unbegreifliches - Magie.

Der Versuch gelingt, die Honoratioren sind beeindruckt; mehr Geld für die Forscherin, die mit einem Bubikopf und zumeist in Anzug und Krawatte gekleidet ihrer Umwelt ein Rätsel aufgibt, ob sie eine Suffragette, eine Lesbe oder doch ein Transvestit ist, gibt es aber nicht. So muss sie, um sich und ihre Mutter durchzubringen, weiterhin der Polizei Berlins mit Rat und Tat bei der Ermittlung merkwürdiger Verbrechen zur Seite stehen.

Dass in Berlin gar Mysteriöses vorgeht, zeigt sich allüberall. Da wird ein kommunistischer Politiker in flüssigem Stein ertränkt aufgefunden, eine verschwundene Vermieterin taucht versteinert wieder auf, die SA der NSDAP greift mittels eines magisch beschworenen Reichsadlers Anarchisten an und es ist die Rede davon, dass ein Golem in Berlin umgeht…


Das Ehepaar Vogt hat uns in den letzten Jahren eine sehr breite Palette von phantastischen Stoffen offeriert. Einer Fantasy-Trilogie folgte eine knackige Space Opera, jetzt ein - ja, was ist dies eigentlich? Es spielt in der Vergangenheit, es geht um Magie in einer real gezeichneten Welt, darüberhinaus aber - wie bei den Vogts immer - aber auch um Emanzipation, um Toleranz und Akzeptanz Andersdenkender.

Zunächst einmal war ich beglückt darüber, dass ich endlich einmal nicht nach London oder Paris sondern ins Berlin der 20er Jahre entführt wurde. Die Kulisse der wilden 20er, der Widerstreit zwischen bitterer Armut und Hoffnungslosigkeit wegen der grassierenden Arbeitslosigkeit breitester Schichten auf der einen Seite und dem Tanz auf dem Vulkan derer, die es sich leisten können, bildet die faszinierende Kulisse des Plots. Nicht von ungefähr bezeichnet der Verlag den Roman plakativ, aber nicht ganz unzutreffend als „Babylon Berlin mit Magie“.

Die Verfasser haben hier sehr gut recherchiert, lassen viel Lokalkolorit und geschichtliche Fakten in ihre Handlung einfließen. Dies verschafft dem Plot weitere Authentizität und nimmt uns für die Figuren - neben Nike sind dies in erster Linie ein alternder Kommissar und ein tschechischer Anarchist und Künstler - ein.

In diese Welt, in der sich die politischen Strömungen erbarmungslos und brutal bekämpfen, kommt nun ein neues Element: Magie. Und wie so Vieles, kann man diese sowohl für künstlerische Zwecke, aber auch als Waffe nutzen.

Der Fokus der Autoren bleibt allerdings bei ihren Figuren. Diese werden sehr detailreich und interessant gezeichnet. Allerdings sind das nicht unbedingt angenehme Protagonisten, keine einfachen Helden im herkömmlichen Sinn. Sie alle werden geplagt von Leid und Sorgen, sind Kinder ihrer Zeit und haben zu kämpfen. Doch gerade dies, dass sie nicht einfach triumphieren, dass sie im Alltag wie bei den Ermittlungen mit sich aber noch mehr mit den Zuständen um sie herum zu kämpfen haben, macht sie sympathisch und interessant. Neben dem gut recherchierten, interessanten Zeitkolorit sind es so die Figuren, die dem Roman ihr Gepräge verleihen.