Maddrax 566: Im Schatten des Schafotts, Oliver Müller (Buch)

Maddrax 566
Im Schatten des Schafotts
Oliver Müller
Titelbild: Néstor Taylor
Bastei, 2021, Romanheft, 68 Seiten, 2,00 EUR (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Matthias Hesse

Am Ende des Romans herrscht beim Titelhelden etwas Katerstimmung: Nach vielen verlustreichen Kämpfen, tragischen Ereignissen und einem brutal gescheiterten Plan ist „nicht viel gewonnen; der Status quo hatte sich kaum verändert.“ Kaiser de Rozier beurteilt die missliche Lage zwar ein wenig zuversichtlicher, doch sein Zweckoptimismus kann über eines nicht hinwegtäuschen: „Im Schatten des Schafotts“ von Oliver Müller ist eine jener Episoden, in denen die Gesamthandlung der Serie in den Hintergrund tritt und stattdessen den geneigten Lesern in einem abgeschlossenen Abenteuer vor Augen geführt werden soll, was aktuell in der dunklen Zukunft der Erde auf dem Spiel steht: Jene Macht, die von der kosmischen Entität des Streiters ausgeht und von seinen religiös fanatisierten Dienern, den „Dunklen“, wie eine Krankheit in die Welt getragen wird, scheint man kaum aufzuhalten.

Eine Mischung aus Mission und Masern-Party. Angesichts der rasanten Verbreitung des „dunklen Keims“ scheint selbst die bestens ausgerüstete Elite-Einheit Dark Force etwas überfordert zu sein, zumal wenn sie sich, wie in dieser Ausgabe geschehen, auf kaiserliches Geheiß auf einem - zugegeben schrecklichem - Nebenschauplatz tummeln muss, während in Mombassa das Kräfte-Verhältnis endgültig in die Katastrophe zu kippen droht.


Der Plot der Episode ist simpel, aber ordentlich konstruiert und wird von Oliver Müller halbwegs schlüssig und schnörkellos erzählt: Um den aktuellen Antagonisten Shadar aus der Reserve und in die Falle zu locken, fingieren Matt und de Rozier die öffentliche Hinrichtung seines wichtigsten Vertrauten Luister. (Aruula ist eher Stichwortgeberin, darf später aber im Kampfgetümmel immerhin eine Nebenfigur niederstrecken.) Doch die Gegenseite bekommt Wind von der Sache und schmiedet einen noch viel perfideren Plan, der über Leichen geht und die Drax‘ Bemühungen mit Leichtigkeit aushebeln kann. In letzter Sekunde kann dann das Allerschlimmste verhindert werden, wo das Schlimmste schon längst Realität geworden ist.


Unterm Strich eine bittere Geschichte, die nahelegt, dass des Kaisers Humanité gegen soviel Skrupellosigkeit eigentlich keine echte Chance hat. Angesichts der derzeitigen Ereignisse in Afghanistan oder an den europäischen Außengrenzen ist das eine beklemmend aktuelle Diagnose.

Dass das Heft dennoch kein Volltreffer ist, ist schade. Die Zutaten stimmen, und Oliver Müller, wiewohl noch eher ein Neuling im „Maddrax“-Team, hat mit „Die Glorreichen Drei“ und „Der Giftplanet“ sehr wohl bewiesen, dass er schreiben kann. Hier hingegen ist die Konstruktionszeichnung der Geschichte oft zu sichtbar, um Atmosphäre, Spannung, kurz ein berauschendes Leseerlebnis stattfinden zu lassen. Viel zu häufig knirscht es im Gebälk: Damit passieren kann, was die Handlung erfordert, werden eher unplausible Puzzle-Teile mit ein paar unbeholfenen Sätzen der Begründung passend gemacht. Teutonische Redewendungen wie die mit dem Dienst und dem Schnaps oder das unsägliche „gefühlt“ zerschreddern sprachlich eine konsistent erzählte postapokalyptische Stimmung. Das kann Oliver Müller wirklich besser.

Die toll erzählte Geomantie-Szene im ersten Drittel oder die verzweifelte Kampfsituation rund um das Schafott beweisen das, in der der Autor die zahlreichen Perspektivwechsel durch geschickte Überblendungen verbindet und dadurch ein schönes Tempo macht. Überhaupt ist die zweite Hälfte des Romans die deutlich gelungenere.

Ergänzt wird das Heft um einen ausführlichen Aufsatz von Dr. Robert Hector, der sich mit Fakten und Spekulationen rund um den Pazifik beschäftigt, der im aktuellen Zyklus ebenfalls eine Rolle spielt.